Das Volk ist der Souverän. Bei Störungen individueller Befindlichkeiten, aber auch bei gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen, an denen die Gegenwart nicht gerade arm ist, erweist sich, ob er in der Lage ist, souverän zu handeln; oder verhält er sich wie ein Kind in der Quengelzone des Discounters, das nur die eigenen Bedürfnisse befriedigt sehen will. In Krisen zeigt sich, ob ein Volk aus Milchtrinkern oder Schwarzbrotessern besteht. Was glauben Sie denn?
Das Phänomen ist nicht neu. Immer schon wurde auf „die da oben“ geschaut, wenn es schwierig wurde. Verantwortung lässt sich in einer Demokratie aber nicht wirklich delegieren. Freiheit ist ein hohes Gut; Freiheit ist allerdings auch eine hohe Verantwortung, die jede und jeden angeht. Selbst eine stabile Demokratie duldet nicht die Trägheit des Souveräns. Wenn er der Herausforderungen der Freiheit müde geworden ist, ruft er gerne nach einem starken Führer, an den er die Verantwortung delegieren kann – wie ein kleines Kind, das nach den Eltern ruft. Ein Kind ist unmündig. So wird es auch dem Souverän geschehen, der die Verantwortung los werden möchte. Dabei bedarf es in einer herausfordernden Gegenwart mit ihren vielen Krisen mündiger Erwachsener, die wissen, dass Heilung manchmal auch unangenehme Therapien nicht ausschließt – angefangen von den Herausforderungen des Klimawandels, der sich einer Ouvertüre gleich in den rekordverdächtigen Hitzetagen andeutet, über die Frage, ob der Friede einfach geschieht oder verteidigt werden muss, bis hin zu den offenkundig notwendigen Reformen im Gesundheits- und Sozialwesen, weil die Frage im Raum steht, wer all das bezahlen soll.
Milch oder Schwarzbrot – was wird den Souverän dauerhaft souverän handeln lassen. Wird der Souverän den Sündenfall begehen und nicht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen. Oder wird er – wie der Autor des Hebräerbriefes – erkennen, dass
„jeder, der noch mit Milch genährt wird, unerfahren ist im richtigen Reden; er ist ja ein unmündiges sind; feste Speise aber ist für Erwachsene, deren Sinn durch gebrauch geübt sind, Gut und Böse zu unterscheiden.“ (Hebr 5,13f)
Durch die Erkenntnis von Gut und Böse erwachsen geworden und ausgerüstet mit der Gabe von Vernunft und Verstand, wird der Mensch ins Leben geschickt. Für Glaubende ist er genau darin Gottes Ebenbild. Er soll mitwirken an der Schöpfung. Aber auch wer nicht glaubt, kommt an dieser Herausforderung nicht vorbei. Wer nicht glaubt, kann ja nicht auf Gottvertrauen setzen. Er ist noch mehr auf sich selbst verwiesen. Wer hingegen glaubt, kann den göttlichen Schöpfungsauftrag, die Erde zu verwalten, sie zu hegen und zu pflegen wie ein guter Herrscher (vgl. Gen 1,28), nicht einfach an den Auftraggeber zurück delegieren. So oder so: Es ist am Menschen an sich, aber damit auch an jedem einzelnen, diesen Auftrag umzusetzen. Wer glaubt, muss sich deshalb fragen, ob wir das Vertrauen, dass Gott in uns setzt, rechtfertigen können. Wer nicht glaubt, stellt die Frage nach Gott nicht. Er hat gar keine andere Wahl, als nur sich selbst zu vertrauen!
Vertrauen ist eine jener Voraussetzung, von der der freiheitliche Staat lebt, die er aber selbst nicht garantieren kann. Fehlt das grundlegende Vertrauen, ist der Gemeinsinn gefährdet. Vertrauen kann man aber nicht erzwingen. Vertrauen muss wachsen, gehegt und behütet werden. Wo aber permanent Versprechungen gemacht, dann aber doch gebrochen werden, löst sich Vertrauen auf. Auch da, wo der Souverän ahnt, dass er unsouverän behandelt wird, weil die vom Souverän zeitlich mandatiert Regierenden ihm offenkundig nicht vertrauen und deshalb glauben, ihn gängeln zu müssen, diffundiert die zarte Firnis des Vertrauens. Die sollte doch das Fundament der Gesellschaft sein.
Die Herausforderungen der Gegenwart sind jener Situation nicht unähnlich, die viele kennen. Man hat Zahnschmerzen. Erwachsene wissen, dass Heilung möglich ist, aber möglicherweise eine schmerzhafte Wurzelbehandlung voraussetzt. Trotzdem geht man es an. Wer hingegen noch (!) Milch trinkt, braucht einen Erwachsenen, dem er vertraut und der ihn begleitet. Was er nicht braucht, sind selbst ernannte Besserwisser, die ihn nicht ernst nehmen und im schlimmsten Fall noch demütigen.
Der Souverän schenkt in unserer Demokratie alle vier, bisweilen fünf Jahre sein Vertrauen neu. Achten sie bei der nächsten Wahl darauf, wem sie da für viele Jahre vertrauen wollen. Das Kreuz ist nichts für billigen Protest; es ist immer eine Frage des Vertrauens!
Dr. Werner Kleine
Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 17. Juli 2026.
Author: Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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