Haben Sie auch das Gefühl, dass man nichts mehr sagen darf? Dabei leben wir in einem Land, in dem durch den Artikel 5 des Grundgesetzes für alle und jeden das Recht garantiert ist, „seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“. Schranken findet dieses Recht nur durch
„Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre“ (Art. 5.2 GG).
Da der Artikel 5 des Grundgesetzes wie die Artikel 1-20 durch die Ewigkeitsklausel in Art. 79.3 grundlegend geschützt ist, ist auch die Meinungs- und Äußerungsfreiheit als solche gegeben. Das Gefühl, nichts mehr sagen zu dürfen, ist also falsch? Was glauben Sie denn?
Tatsächlich steckt hinter der vermeintlichen Befindlichkeit etwas anderes. Es handelt sich eher um das Unvermögen, Widerspruch auszuhalten oder einen Mangel an Toleranz, andere Ansichten überhaupt nur zu ertragen. Was waren das für Zeiten, in denen sich ein Herbert Wehner und Franz Josef Strauß rhetorisch duellierten und nachher trotzdem zusammen am Tresen stehen konnten. Es waren jene Zeiten, in denen man noch Meinungen aus Gründen und Argumenten bildete und sie in Rede und Widerrede verteidigen konnte. Es waren Zeiten, in denen Persönlichkeiten selbstbewusst einen Punkt hatten, auf den sie mit einem Bein fest stehen und doch mit dem anderen frei spielen konnten, ohne gleich umzufallen. Es waren Zeiten, in denen man sogar den Mut hatte, sich vom besseren Argument der Gegenseite überzeugen zu lassen und seinen Meinung zu ändern, ohne das Bewusstsein seiner selbst zu verlieren. Es waren Zeiten, in denen die heute larmoyant behauptete Ohnmacht noch nicht jenen Lustgewinn hatte, über die der Psychoanalytiker Erich Fromm schrieb:
„Ein vereinfachtes Missverständnis der psychoanalytischen Theorie […] liefert manchen Menschen eine Entschuldigung dafür zu glauben, ihre Ohnmacht rühre daher, dass ihre Mutter sie im Alter von drei Jahren geschlagen oder ein älterer Bruder sie mit fünf Jahren ausgelacht habe.“
Diesen Satz schrieb Erich Fromm 1937 in der Zeitschrift für Sozialforschung – einer Zeit, die der heutigen nicht unähnlich war. Damals hatte man vergessen, dass Widerspruch eine Methode der Wahrheitsfindung ist. Man hatte ihn ausgelöscht, Bücher längst verbrannt, Andersdenkende in Konzentrationslager geschickt. Wer die Macht hatte, bestimmte, was gesagt und geschrieben werden durfte. Es waren Zeiten, in denen man nicht mehr alles sagen durfte – nichts, was nicht der Ansicht der Mächtigen gleichgeschaltet worden war.
Das dürfte heute nicht mehr so ohne weiteres gelingen. Das Internet mit seinen Blogs und den sogenannten „sozialen Medien“ ermöglichen es tatsächlich jedem, zu sagen, was er will. Es darf der größte Blödsinn geäußert werden, sogar Dinge, die man als Meinung ausgibt, ohne dass zu erkennen wäre, dass da eine Form von Begründung oder Bildung stattgefunden hätte. Früher gab es die Volksempfänger, durch die einer tönte und alle anderen hören mussten. Heute tönen alle, aber keiner hört mehr richtig zu. Antworten scheinen nur in der Form von „Likes“ zulässig. Widerspruch ist unerwünscht.
Dabei ist Widerspruch um der Wahrheit willen notwendig. Nicht, weil im Widerspruch selbst Wahrheit läge. Der Widerspruch nimmt den anderen in den Blick, belebt die Kommunikation, zwingt zu Neujustierung und Vergewisserung des eigenen Standpunktes. Widerspruch setzt die Fähigkeit zum Hören des anderen voraus, aber eben auch die Kompetenz zur eigenen Antwort. Erwachsen ist, wer widersprechen kann und Widerspruch erträgt, anstatt wie ein Kind in der Quengelzone zu lamentieren. Das ist das, was spannend werden wird in diesen Tagen, in denen so viele aus Protest oder wer weiß was für Gründen ihr Kreuz bei Parteien machen, die zwar vorgeben, zuzuhören, aber bisher keine wirklichen Antworten geben – außer, dass sie den Widerspruch selbst beerdigen wollen.
Für Christen ist der Widerspruch eine alltägliche Erfahrung. Er gehört in vielfältiger Hinsicht zur DNA des Christlichen. Nicht ohne Grund heißt es im Zweiten Timotheusbrief:
„Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung! Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Begierden Lehrer sucht, um sich die Ohren zu kitzeln; und man wird von der Wahrheit das Ohr abwenden, sich dagegen Fabeleien zuwenden.“ (2 Tim 4,2-4)
Gerade, aber nicht nur, für Christen ist es wieder Zeit für Rede und Gegenrede. Ein Hoch dem Widerspruch!
Dr. Werner Kleine
Erstveröffentlicht in der Westdeutschen Zeitung vom 18. September 2026.
Author: Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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