Im Anfang ist eine Seite schrecklich leer. Bevor eine Kolumne wie diese entsteht, liegen Tage der Entscheidung. Welches Thema soll angegangen werden? Welche Aspekte könnten interessieren? Welche Gattung und welche Strategie sollen verwendet werden? Wie kann man die Lesenden mit der Überschrift und den ersten Worten in den Text hineinziehen? Wie kann man sie mit auf eine Gedankenreise nehmen, das Komplexe vereinfachen, ohne es zu banalisieren, und trotzdem so erzählen, dass sie auch noch die letzten Worte erreichen? All das ist auf der leeren Seite verborgen, aus der man die schwarzen Striche, die man gemeinhin Buchstaben nennt, befreien muss. Weiße Seiten bergen einen Schrecken der Leere, mit dem schon viele Autoren gerungen haben. Was glauben Sie denn?
Einen Text zur Welt zu bringen ist ein Weg durch Höhen und Tiefen, manchmal eine schwere Geburt, aber meistens dann doch eine Reise, die auch den Autor erkenntnisreicher macht, als es vor dem Texten war. In der Begegnung mit anderen, deren Gedanken man kennenlernt, die zu Themen und Argumenten inspirieren, reift die eigene Sicht auf ein Thema. Man eignet es sich zunehmend an, geht mit ihm schwanger, bis man schließlich den Text gebiert. Manche Geburt ist wahrhaft schwer, bevor es heißt: Es ist ein Text! Und ich bin sein Autor! Jetzt, wo der Text das Licht der Welt erblickt hat, macht er sich selbständig, nimmt Gestalt an in den Lesenden, bringt neue Gedanken hervor, erweckt Widerspruch und Zustimmung. Er beginnt ein Eigenleben zu führen. Der Text lebt! Die Arbeit hat sich gelohnt …
0 Kommentare
Sitzen ein Christ, eine Jüdin und ein Muslim zusammen. Wie die Ringträger aus der berühmten Parabel Lessings wussten sie nicht, wer von ihnen den wahren, den echten Ring hatte. Es hieß ja, dass von ihm eine geheime Kraft ausging, der vor Gott und den Menschen angenehm macht. Und so waren sie alle erpicht, ein angenehmes Erscheinungsbild abzugeben. Wie auch immer: Jede bzw. jeder war überzeugt, den Königsweg gefunden zu haben. Die Jüdin lebt in der Überzeugung, dem Volk anzugehören, das Gott sich selbst erwählt hatte. Der Christ strebte danach, dem zu folgen, der der Weg, die Wahrheit und das Leben sei und niemand zum Vater komme, außer durch ihn (vgl. Joh 14,6). Der Muslim hingegen hatte keinen Zweifel daran, der ältesten und der jüngsten Religion anzugehören: Die ganzen Propheten hätten ihr Bestes gegeben, Juden und Christen die wahre Religion zu erklären; weil die aber die Botschaften verfälscht hätten, musste noch einmal Mohammed kommen, um es ein für alle Mal richtig zu stellen. Was glauben Sie denn?
Wieder einmal hatte es einen Anschlag gegeben. Wieder einmal hieß es, der Täter sei islamistisch motiviert gewesen. Die Betroffenheit war groß. Der Muslim erhob als erster die Stimme:
„Wenn einer jemanden tötet, nicht für jemand, es so sein soll, als ob er die Menschen alle getötet hätte. Und wenn einer jemanden am Leben erhält, soll es so sein, als ob er die Menschen alle am Leben erhalten hätte.“ (Sure 5,32)
Die Jüdin horchte auf: „Den Satz kenne ich! Er steht im Talmud, und zwar in der Mischna zum Traktat Sanhedrin 4,5. Dort geht es um den Brudermord Kains an Abel. Dessen Blut schrie zum Himmel. Mit dem Satz antwortet Gott auf diesen Schrei. Er ist eine Anklage!“
Der Christ hatte dem Muslim über die Schulter geschaut:
„Schaut! Das steht auch im Koran. Dort wird der Satz eingeleitet mit den Worten: ‚Aus diesem Grund haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben, dass, wenn einer jemanden tötet, es so sein soll, als ob er die Menschen alle getötet hätte.‘ (Sure 5,32)“
Der Christ und die Jüdin schauten den Muslim an. Seine Worte hatten schön geklungen. Er war ja überzeugt, dass die Botschaft von ihnen, Juden wie Christen verfälscht worden sei. Wenn der Koran sich also den Satz aus dem Talmud aneignete – war damit gesagt, dass Juden, aber auch Christen, dieser Weisung Gottes nicht gefolgt wären und es jetzt einer Korrektur bedurfte? In der Tat las die Jüdin weiter und stutzte. Nur ein paar Verse nach dem schönen Zitat las sie:
0 Kommentare
