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kath 2:30 Aktuell Logooder: Die Macht der schützenden Mauer

“Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!” (Markus 16,15) – Diesen Auftrag hinterlässt der Auferstandene am (zugegebenermaßen “unechten”) Schluss des Markusevangeliums den Aposteln vor seiner Aufnahme in den Himmel. Über diesen Auftrag hinaus gibt es keine weiteren Handlungsanweisungen. Lediglich die Folgen des Auftrages werden beschrieben:

“Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden. Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.” (Markus 16,16-18)

Berücksichtigt man, dass diese Zeilen in Zeiten der Verfolgung der Christgläubigen aufgeschrieben wurden, dann wird vor allem eins deutlich: Der Getaufte weiß um die göttliche Kraft, die ihm zuteil wird. Unheil wird ihm nicht erspart bleiben. Aber das Unheil kann ihm letzten Endes nichts anhaben. Der Zusammenhang dieser Zeilen mit dem Entsendungsauftrag ist dabei nicht zufällig. Denn das “Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!” lässt keine Ausnahmen zu: Die ganze Welt und alle Geschöpfe sind das Ziel der Verkündigung des Evangeliums. Da bleibt nicht nur wenig Platz für Zielgruppenanalysen (die Zielgruppe sind “alle”!); das “Geht hinaus” ist auch ein Tätigkeitswort. Es heißt eben nicht: “Überlegt, wie ihr das eventuell vielleicht machen könntet”. “Geht hinaus!” – das ist ein Befehl, ein Sprachakt, der keine Diskussion zulässt, sondern eine entsprechende Tätigkeit erfordert. Auf diese Weise definiert der Auferstandene das Wesen der Kirche. Das Wesen der Kirche besteht nicht in gelehrten Disputationen oder Hierarchien. Das Wesen der Kirche subsistiert nicht in Dogmen und Formen. Das Wesen der Kirche ereignet sich im “In-die-Welt-hinausgehen” und der Verkündigung des Evangeliums.

Schwarz-Weiß-Mission

Die Eindeutigkeit des Auftrages des Auferstandenen lässt wenig Spielraum für Interpretationen. Es ist daher kaum verwunderlich, wenn dieser Auftrag der hinausgehenden Verkündigung des Evangeliums auch das kirchliche Lehramt in den letzten Jahrzehnten immer wieder beschäftigt hat. Erwähnt seien an dieser Stelle das Missionsdekret “Ad Gentes” des Zweiten Vatikanischen Konzils (1965), die Enyklika “Evangelii nuniandi” von Papst Paul VI (1975) oder die Enzyklika “Redemptoris missio” von Papst Johannes Paul II (1990). Nicht zuletzt beschäftigt sich die XIII. ordentliche Generalversammlung der Bischöfe in Rom im Jahr 2012 mit dem Thema “Die neue Evangelisierung – Für die Weitergabe des christlichen Glaubens”.

Auch die Deutschen Bischöfe haben sich in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mit dem identitätsstiftenden Sendungsauftrag der Kirche auseinandergesetzt. So heißt es in der am 26. November 2000 erschienen Schrift “Zeit zur Aussaat” (Die deutschen Bischöfe, Nr. 68):

“Missionarisch Kirche sein bedeutet nicht, eine zusätzliche kirchliche Aktivität zu entfalten. Communio und Missio, Gemeinschaft und Sendung, sind immer die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Alle kirchlichen Aktivitäten sind vor dem Hintergrund der missionarischen Dimension der Kirche zu verstehen und daraufhin zu stärken. Dies gilt für die Gemeinden wie für die Verbände, es gilt für die geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften. Diesen Prozess will der vorliegende Text unterstützen.” (S. 6)

Mission – oder, wie es immer öfters heißt, “Evangelisierung” – ist also die Wesenseigenschaft der Kirche schlechthin. Eine Kirche, die nicht missionarisch ist, verkümmert zum Verein. Was in den zahlreichen kirchenamtlichen Dokumenten der letzten gut 50 Jahre schwarz auf weiß gedruckt wurde, bedarf jetzt eigentlich nur noch der Umsetzung. Aber genau da hapert es, wie die drei folgenden Beispiele zeigen sollen.

Wer im Boot bleibt, bleibt im Boot

Rotes Ampelmännchen1. Vor Jahren wurde in einem Generalvikariat einer großen deutschen Diözese die Sinus-Milieu-Studie diskutiert. Anhand dieser Studie, die von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Auftrag gegeben wurde, sollten ursprünglich Marketingkonzepte entwickelt werden. In Deutschland wurde die Bevölkerung in dieser Studie in 10 Milieus aufgeteilt (in Frankreich war man da trennschärfer – hier waren es über 30 Milieus). Die Verortung dieser Milieus sollte der Wirtschaft helfen, ihre Marketingkonzepte passgenau auszurichten. Die Sinus-Milieu-Studie hat also vor allem eine (rezeptions-)ästhetische Perspektive.
Auch im kirchlichen Bereich wurde die Sinus-Milieu-Studie rezipiert. Erschrocken stellte man fest, dass die allgemeinen pastoralen Konzepte lediglich drei der 10 Milieus erreichen (und auch hier, das darf man wohl vermuten, nur einen Bruchteil der Milieu-Angehörigen). Diese Erkenntnis stellt eigentlich einen hervorragenden Anlass dar, den identitätsstiftenden Missionsauftrag der Kirche neu zu beleben und die rezeptions-ästhetischen Parameter der Pastoral neu auszurichten. O-Ton eines für die Männerpastoral zuständigen Mitarbeiters: “Wir sollten uns auf die drei Milieus beschränken, die wir erreichen. Alles andere ist ineffizient.”

2. In einem deutschen Bistum soll anlässlich des Jahres des Glaubens ein Bibelprojekt gestartet werden. Im Mittelpunkt stehen die Evangelien. Die Teilnehmer sollen aus jedem der vier Evangelien den Lieblingsvers nennen und diesen kurz begründen. Vor allem das Internet soll als Plattform dieses Projektes dienen. Auf den Einwand, dass dazu erst eine gute Kenntnis der Evangelien notwendig sei und diese daher in geeigneter Form vermittelt werden müssten, folgt die Antwort, man sei sich im klaren darüber, dass das Projekt nur bei relativ starken Leuten funktioniere; man mache sich keine Illusionen darüber, dass man über das Internet Nichtglaubende in einer besonderen Weise erreichen könne. Das würde zwar vorkommen, in der Regel seien es aber jene Leute, die sich in der Gemeinde nicht beheimaten wollten oder könnten, trotzdem aber katholisch geblieben seien.

3. In einer deutschen Großstadt führt die katholische Laienvertretung eine Umfrage unter den Katholiken zur Zukunft der Kirche durch. Der Rücklauf ist spärlich (lediglich 1% der Befragten antworten) und die Rückmeldungen betreffen zumeist die üblichen kritischen Themen wie Zölibat und Frauenpriestertum. Die Antwort, auf die Frage, wie sich die Kirche angesichts dieser mageren Reaktion für Neues öffnen soll, lautet: “Jemanden anlächeln, um zu zeigen: Ich habe dich gesehen.” Und ein in der Stadt als Pfarrer wirkender Priester meint, er predige nicht für das Leben, sondern für den Glauben. Wer im Boot bleibe, bleibe halt im Boot. Das ist eine wahrlich missionarische Aussage!

Von einem, der das Boot verließ

Im Boot zu bleiben, war nicht der Wunsch des Petrus, als er Jesus auf dem See Genezareth über den See auf ihn zukommen sah:

“Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.” (Matthäus 14,22-32)

Die Reaktionen in den oben genannten Beispielen stehen nicht für Kleinglauben, sondern für nicht vorhandenes Gottvertrauen und Hoffnungslosigkeit. Sie stehen für ein mangelndes Zutrauen in die Kraft des Evangeliums. Wer da das Wort “Evangelisierung” in den Mund nimmt, bekennt mit den Lippen wohlfeil, was er mit dem Herzen und mit der Hand nicht umzusetzen bereit ist. Er wird nie erfahren, was es heißt, Gott wirklich am Werk in seiner Welt gesehen zu haben. Die Macht der schützenden Mauer wirkt vor allem nach innen. Das gibt Sicherheit, dass nichts Unvorhergesehenes passiert. Wehe, es kommt einer und wälzt den Stein weg. Der Auferstandene könnte wieder sagen: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet allen Geschöpfen das Evangelium!

Das Wesen der Kirche ist der Vollzug des Hinausgehens

Trotz der zahlreichen schwarz auf weiß fixierten Absichtsbekundungen für eine missionarische Kirche bleibt sie die Erfüllung ihres identitässtiftenden Auftrages größtenteils schuldig. Sie, die das Licht der Welt sein sollte, gleicht einem implodierenden Stern. Seine zentripetalen Kräfte lassen ihn zu einem schwarzen Loch werden, dessen Gravitationskräfte selbst das Licht der ihn umgebenden Sterne schlucken.

Grünes AmpelmännchenWer nur zu Gleichgesinnten spricht, wird nie ein Bekenner werden. Diese Form der kirchlichen Selbstbespassung, in der mit gewichtiger Miene über den Glauben gesprochen wird, entspricht gerade nicht dem Evangelium. Wer die Menschen da abholen möchte, wo sie stehen, muss sich erst einmal zu ihnen bewegen – und dann mit ihnen gehen. Die Kirche ist von ihrem Ursprung her eine Bewegung: Jesus bewegt sich von Galiläa nach Jerusalem. Die Apostel bewegen sich an Pfingsten aus dem geschlossenen Raum nach draußen. Von Jerusalem aus wird die Kirche zu einer weltumspannenden Bewegung. Die frühen Christen bezeichneten sich daher nicht ohne Grund als “Anhänger des ‘neuen Weges'” (vgl. Apostelgeschichte 9,2).

Solange die Kirche und ihre Vertreter nur über den ihr aufgegebenen Auftrag reden und beraten, wird die Kirche in ihrer Identitätskrise verharren. Eine solche Kirche bewegt sich nicht, sie sitzt. Was ist an Sitzungsräumen begeisternd?

Erst dann, wenn der eine oder andere es wagt, das sichere Boot zu verlassen – vielleicht voller Herzklopfen und Angst, voller Ungewissheit vor dem, was da kommt, und voller Zweifel – erst dann wird die Kirche die selbstgegrabene Gruft verlassen und auferstehen können.

Ite, missa est – Geht, ihr seid gesendet!

Dr. W. Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

3 Kommentare

  1. Dr. Werner Kleine schrieb am 20. Oktober 2012 um 19:46 :

    Das einführende Wort zum 29. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres B im Schott-Messbuch passt, als wenn es bestellt wäre:
    “Jesus war ein guter Lehrer, aber er hatte schlechte Schüler, und er hat sie bis heute. Schüler, die auf Stühlen sitzen wollen, anstatt sich in Bewegung zu setzen, ihren Weg zu suchen: den Weg, auf dem vorausgeht: den Weg der großen Befreiung, in Armut und Schwachheit. Die Kirche Christi ist kein Ort, kein Machtapparat; sie ist Bewegung und Wachstum, Zeugnis für den lebendigen, anwesenden Gott.”
    (Quelle: http://www.erzabtei-beuron.de/schott/schott_anz.php?datum=2012-10-21)

  2. Dr. Werner Kleine schrieb am 25. Oktober 2012 um 22:40 :

    Prof. Dr. Thomas Söding, Inhaber des neutestamentlichen Lehrstuhls der katholisch-theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, berichtet in einem lesenwerten Blog von der im Beitrag erwähnten Bischofssynode in Rom zur Neuevanglisierung (2012). Der Blog findet sich unter folgendem Link: http://www.ruhr-uni-bochum.de/nt/info/aktuelles/TagebuchWeltbischofssynode.html

  3. Daniel Offermann schrieb am 28. Oktober 2012 um 18:08 :

    Eine vierte Variante zu “Wer im Boot bleibt, bleibt im Boot” habe ich vor einiger Zeit bei einem Gespräch in unserer Gemeinde erlebt:
    4. Dass der Glaube immer mehr verschwinde, liege vorallem im Verschwinden des christlichen (katholischen) Millieus (siehe Sinus-Studie, die auch in unserer Gemeinde vorgestellt worden war – ohne weitere Konsequenzen). Die Zukunft liege also in den Familien der Gemeinde.
    Einmal abgesehen davon, dass wir aufgrund hausgemachter Zwistigkeiten gerade einen Großteil der Jugend verlieren: Angesichts des demografischen Wandels in der Gesellschaft kann jeder sich ausmalen, wo das endet.
    Mich erinnert diese Diskussion etwas an den Streit zwischen Paulus und Petrus bezüglich der Öffnung auch für die Heiden: Wo wäre das Christentum heute, wenn sich Petrus mit seiner Konzentration auf die Judenchristen ( = das christliche/katholische Millieu) durchgesetzt hätte?
    Nein, für “Mission” ist jede mir gegenüberstehende Person zu jeder Zeit der jetzt gerade “passende” Nächste. Vielleicht lohnt es sich, diesbezüglich ein Beispiel an den so oft verpönten Evangelikalen zu nehmen, die – so sehr ihre Ideen und Vorstellungen manchmal befremden – doch durch ihre authentisches Auftreten und eine klare, direkte Sprache beeindrucken.
    Daniel Offermann

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