Haben Sie auch das Gefühl, dass man nichts mehr sagen darf? Dabei leben wir in einem Land, in dem durch den Artikel 5 des Grundgesetzes für alle und jeden das Recht garantiert ist, „seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“. Schranken findet dieses Recht nur durch
„Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre“ (Art. 5.2 GG).
Da der Artikel 5 des Grundgesetzes wie die Artikel 1-20 durch die Ewigkeitsklausel in Art. 79.3 grundlegend geschützt ist, ist auch die Meinungs- und Äußerungsfreiheit als solche gegeben. Das Gefühl, nichts mehr sagen zu dürfen, ist also falsch? Was glauben Sie denn?
Tatsächlich steckt hinter der vermeintlichen Befindlichkeit etwas anderes. Es handelt sich eher um das Unvermögen, Widerspruch auszuhalten oder einen Mangel an Toleranz, andere Ansichten überhaupt nur zu ertragen. Was waren das für Zeiten, in denen sich ein Herbert Wehner und Franz Josef Strauß rhetorisch duellierten und nachher trotzdem zusammen am Tresen stehen konnten. Es waren jene Zeiten, in denen man noch Meinungen aus Gründen und Argumenten bildete und sie in Rede und Widerrede verteidigen konnte. Es waren Zeiten, in denen Persönlichkeiten selbstbewusst einen Punkt hatten, auf den sie mit einem Bein fest stehen und doch mit dem anderen frei spielen konnten, ohne gleich umzufallen. Es waren Zeiten, in denen man sogar den Mut hatte, sich vom besseren Argument der Gegenseite überzeugen zu lassen und seinen Meinung zu ändern, ohne das Bewusstsein seiner selbst zu verlieren. Es waren Zeiten, in denen die heute larmoyant behauptete Ohnmacht noch nicht jenen Lustgewinn hatte, über die der Psychoanalytiker Erich Fromm schrieb:
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Reine und kristallklare Harmonie ist langweilig. Interessant sind – nicht nur in der Musik – eigentlich die Dissonanzen, die Spannungen aufbauen, die sich zur Harmonie hin auflösen, um durch neue Dissonanzen fortzuschreiten. Auch Gesellschaft und Kirche bedürfen solcher Dissonanzen, die zur Lösung drängen. Streit ist ein Wesensmerkmal jeder freien Gesellschaft, der Demokratie sowieso. Die Frage ist eher die nach der Art des Streitens. Eine gute Streitkultur trägt konstruktiv zum Fortschreiten der Gesellschaft bei; eine negative Streitkultur, die nur auf die Niederlage des Gegenübers ausgerichtet ist, bewirkt hingegen Zerstörung. Streiten ist also eine Herausforderung, die gelernt sein will. Was glauben Sie denn?
Tatsächlich wurde nach dem biblischen Mythos des Gartens Eden schon im Paradies gestritten. Als die beiden Menschen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen und ihre eigene Nackheit erkannt hatten, werden sie vom Schöpfer zur Rede gestellt, woher sie dieses Wissen haben. Ein erster Streit wird vom Zaun gebrochen, als der Mann der Frau die Verantwortung zuweist und die Frau der Schlange. Niemand will es gewesen sein. Zu allem fähig und für nichts verantwortlich sind die beiden wie Pubertierende, die zwar schon kräftig austeilen, das konstruktive Streiten aus Verantwortung aber erst noch lernen müssen. Das nämlich ist ein Merkmal der konfliktiven Destruktion, die das Eigene überbetont und das Gegenüber verzweckt: Es zählt nur, wenn es die eigene Sicht bestätigt; sonst wird mit Vernichtung und Kontaktabbruch gedroht. Die Tatsache, dass genau diese kommunikative Unkultur in den digitalen Medien, immer wieder fröhlich Urständ feiert, zeigt, dass das Streitenlernen wieder auf der Tagesordnung steht. Cancle Culture ist kein Merkmal konstruktiven Streitens.
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