Die Freiheit liegt dazwischen. Sie umfasst die Länge jenes Augenblicks der Entscheidung zwischen Reiz und Reaktion. Wer auf Reize nur wie der berühmte pawlowsche Hund reagiert, nimmt sich selbst jene Freiheit, zwischen verschiedenen Wegen der Reaktion zu entscheiden, ja, möglicherweise sogar gar nicht zu reagieren. Die Kommentarspalten der sogenannten „sozialen Medien“ lassen hingegen ahnen, dass bei allzu vielen das Reiz-Reaktions-Schema ungetrübt funktioniert. Die Kunst der Toleranz bleibt dabei auf der Strecke, jene Fähigkeit, den anderen Menschen auch dann zu ertragen (so die wörtliche Bedeutung des lateinischen „tolerare“), selbst wenn er Dinge behauptet, die der eigenen Sichtweise nicht zugänglich sind. Die einfache Frage: „Könnte er oder sie vielleicht doch Recht haben?“ kommt den Wenigsten in den Sinn. Was glauben Sie denn?
Was in der digitalen Welt gang und gäbe ist, breitet sich zunehmend in der analogen Welt aus. Auch hier lässt man sich nicht mehr lumpen und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Dabei wäre es wichtig, sich diesen Moment Freiheit zu gönnen. Den noch freiheitsliebenden Menschen kann man oft an einem kleinen Laut erkennen – jenem „äh“, mit dem er oder sie sich den Moment Freiheit gönnt, jenen Augenblick, in dem sich entscheidet, welche Richtung der Gedanke und die folgende Handlung nehmen kann. Die, die sich zweifelnd voran stammeln, wissen oder ahnen zumindest, dass ihr Reden und Handeln Folgen hat. Sie wissen um die Kunst des Augenblicks, in dem die Freiheit zu sich selbst kommt.
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