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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Meisterlich versteht es der Mensch, die Dinge so zurecht zu denken, dass er sie in seinem jeweiligen Selbst- und Weltbild fassen kann. Wie selbstverständlich definiert er sich als Absolutum, von dem aus die Welt zu fassen ist. Das ist in gewisser Weise verständlich, denn der Mensch besitzt nur diese eine Perspektive, aus der heraus er die Welt sinnlich erfassen kann. Es ist sein Standpunkt, aus dem er die Welt wahrnimmt. Paart sich dieser egomanische Zentrismus aber mit einer Unfähigkeit zur Selbstreflexion und –relativierung, dann erhebt sich der Mensch schnell selbst zum Maß aller Dinge.

Eine Frucht dieses anthropologischen Autismus, der nicht wenige Zeitgenossen befällt, ist ein Mangel an emotionaler und kommunikativer Kompetenz. Weil er sich selbst und seinen kleine Weltausschnitt zum Maß aller Dinge macht, wird das Fremde und Unbekannte zur Bedrohung.  Dem archaischen Urtrieb folgend reagiert er mit Angst. Er hat sich zwar selbst zum Maß aller Dinge gemacht; ihm fehlt allerdings ein Bewusstsein seiner selbst. Denn Selbstbewusstsein erwächst erst aus der Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren, sich aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten, gewissermaßen mit den Augen eines Gegenübers. Selbstbewusst kann nur der sein, der seine Identität aus der Begegnung mit dem Anderen und vielleicht auch Fremden herausbildet.

Den meisten Tieren fehlt diese Fähigkeit zu Selbstreflexion. Sie sind dann einfach; aber ihnen fehlt das Bewusstsein ihrer selbst. Sie folgen dann dem Instinkt oder Trieb, der ihnen das Überleben sichert. Wo aber Tiere Ansätze zu einem Bewusstsein ihrer selbst zu erkennen geben, spielen Emotion, Kommunikation und Information eine wichtige Rolle. Das Rudel oder die Herde sind dann mehr als evolutive Gebilde, die das Überleben sichern; sie werden zur Familie, in der das einzelne Individuum in der Auseinandersetzung mit den anderen Individuen seinen Platz, seine Identität finden muss.

Der Mensch freilich wähnt sich als Krone der Schöpfung. Er überhebt sich in dieser Eitelkeit gerne , transzendiert sich aber nicht. Das, was er dann für ein Ich hält, ist in Wirklichkeit ein Es. Er folgt, wenn ihm die Fähigkeit zur Selbstreflexion fehlt, mehr dem Instinkt als dem Verstand. Die Angst treibt ihn dann auf die Straße.

Es ist die Angst vor dem Fremden, die den Zweifel an der eigenen Wahrheit nährt. Nun könnte man sich dieser fremden Wahrheitswahrnehmung neugierig forschend nähern. Man könnte seine eigene Perspektive erweitern und an der Begegnung mit dem Fremden wachsen. Man könnte in Kauf nehmen, dass das, was man selbst für wahr gehalten hat, zerstört würde, und Platz machte für etwas Größeres. Man könnte wachsen und mündig werden. Man kann das Fremde aber auch einfach zerstören – und ein kleines kreischendes Kind bleiben, ein kleiner Satansbraten, wie sie schreiend und kreischend in der Quengelzone des Kassenbereichs die gelassene Adoleszenz von Personal und Kunden, vor allem aber die erzieherische Kompetenz der Eltern testen.

Man erkennt die Ängstlichen am lauten Schreien, das schnell zu einem Kreischen wird, so wie ein Kind kreischend nach einem Punkt in der Welt schreit, an dem sich festmachen kann, wenn die Schatten der Dunkelheit unheimliche Gestalten ausbilden. Egal, ob da nach Einbruch der Dunkelheit im Abendland „Wir sind das Volk“ oder in der zerstörten Wiege der Menschheitskultur säbelschwingend „Allahu akhbar“ gebrüllt wird – der Eindruck, dass die Angst hier die Herrschaft über die Kehlen und Zungen ergriffen hat, bleibt.

Wer Gott groß brüllen muss, kann nicht an einen großen Gott glauben. Die Angst vor der Kleinheit des selbstgemachten Gottesbildes soll offenkundig durch Lautstärke kompensiert werden. Der sich seiner eigenen Wirklichkeit nicht bewusste Mensch wird zum größten Problem der Gotteserkenntnis, weil er mit Gott umgeht wie mit einem Menschen.

Das Virus der Vermenschlichung Gottes grassiert. Es grassiert selbst bei vielen Theologinnen, Theologen und Kirchenmännern. Sie wissen dann, wie Gott ist. Sie offenbaren ihren infektiösen Zustand vor allem dann, wenn sie wissen, was Gott will. Sie sonnen sich im Glanz der eingebildeten Nähe Gottes, den sie in einem Akt eitler Demut als den ganz Anderen verkünden.

Das Symptom dieser Art sakraler Sepsis ist die Selbstapotheose derer, die wähnen, Gott in ihrer Gewalt zu haben. Die Diagnose Jesu, die im Evangelium vom 32. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr B überliefert ist, bestätigt lediglich, dass das Virus sehr beständig ist:

Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt, und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. (Markus 12,38f)

Die Kleinheit der eigenen Existenz wird durch Äußerlichkeiten übertüncht. Die Veräußerlichung verhindert das Entstehen des Bewusstwerdens ihrer selbst. Zum Mittelpunkt der eigenen Welt geworden, wird alles unternommen, den schönen Schein aufrecht zu erhalten:

Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet. (Markus 12,39)

Die, die Gott um ihrer Selbst willen im Munde führen, sind sich offenkundig der Wirklichkeit Gottes so wenig bewusst, wie der Realität der eigenen Existenz. Gott ist in ihren Händen und Mündern ein williges Werkzeug. Er ist eigentlich nicht mehr Gott. Der Unverfügbare ist zur Verfügungsmasse materialisiert, derer man sich für die eigenen Zwecke und Bedürfnisse nach eigenem Gutdünken willkürlich bedient. Man plappert dann vom Abglanz der himmlischen Herrlichkeit in den Domen und Kathedralen und davon, dass man das alles zur höheren Ehre Gottes tut, wenn man sich weibisch in Brokat und Spitze kleidet, und plappert und plappert, um nicht zu hören, wie die Armut nicht hören zu müssen, die in der Münze im Kasten klappert.

Das Klappern der Münze der armen  Witwe, von der das Evangelium vom 32. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres B erzählt, stellt die Verhältnisse auf den Kopf:

Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt. (Markus 12,43f)

Es geht also um alles oder nichts. Nicht der Schein ist das vor Gott Entscheidende, sondern das Sein.

Die Worte Jesu werden am 32. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres B in den Kirchen zu hören sein: In den armen, aber oft vollen Dorfkirchen, in den saturierten, aber oft leeren Stadtgemeinden und in den prunkvollen und prächtigen Kathedralen. Wie aber werden diejenigen, die sich selbst ihres hervorgehobenen Platz in der Kirche prunkend preisen, das Wort Jesu verkünden ohne das Gesicht zu verlieren?

Sie werden es schaffen, das alles wieder gut zu begründen. Sie werden es schaffen, weil sie nicht wirklich mit Gott rechnen. Sie werden es schaffen, weil sie nicht mit dem ganz anderen rechnen, das sie längst getötet haben, aus Angst, es könnte ihr kleines Ich entlarven. Und weil sie Gott nicht trauen, reden sie von ihm nach Art von kleinen Kindern, die den Unterschied zwischen Haben und Sein noch nicht kennen, sondern nur den Zustand des „Haben wollen“. Deshalb errichten sie von Menschenhand gemachte Häuser, in denen sie sich selbst heiligen.

Das Virus der Vermenschlichung hat ganze Arbeit geleistet. Es grassiert in Welt und Kirche. Es verhindert den Kontakt zu einer Realität, in der sich der Mensch als das erkennt, was er ist: unnötig. Der Mensch ist unnötig für die Welt. Kontingent nennen das die Theologen.

Erst wenn sich der Mensch dieser eigenen Unnötigkeit und der eigenen existentiellen Armut bewusst wird, könnte er ahnen, dass Gott ist. Gerade weil der Mensch sich dieser eigenen Unnötigkeit selbst bewusst werden kann, wird die Frage drängend, warum er denn trotzdem ist. Die Antwort des Glaubens ist: Weil Gott Gott ist!

Diese Antwort ist zu unbefriedigend? Statt sich jetzt mit Prunk und Pracht laut betend selbst zu anästhetisieren, könnte man der Neugier Raum geben. Für Christen hat sich Gott in Jesus einzigartig selbst offenbart. Der Mensch kann Gott nicht von sich aus erkennen. Die schiere Größe Gottes, sein ganzes Anderssein entzieht sich dem menschlichen Zugriff. Der Mensch kann bestenfalls ahnen, dass da mehr ist, als er sieht. Er kann staunen, aber noch nicht erkennen. Gott aber kann sich dem Menschen offenbaren. Und er hat es in Jesus Christus getan, nach Menschenart in menschlicher Gestalt und doch ganz anders als nach Art der Menschen. So heißt es in der aus dem Schreiben an die Hebräer stammenden zweiten Lesung vom 32. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres B:

Christus ist nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen; auch nicht, um sich selbst viele Male zu opfern, denn er ist nicht wie der Hohepriester, der jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht; sonst hätte er viele Male seit der Erschaffung der Welt leiden müssen. Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen. (Hebräer 9,24-26)

Wer Gott nach Menschenart denkt, wird diese Wort schwer verstehen. Er wird im Glanz von Menschenhand errichteter Heiligtümer die Herrlichkeit eines Himmels suchen, der zu groß für sein kleines Ich ist. Er wird sich mit dem Schein begnügend nie die Größe Gottes verstehen. Er wird seine Angst und den Selbstzweifel nie in den Griff bekommen und die Pracht und den Prunk deshalb perpetuieren und steigern müssen. Er wird immer wieder in seine selbstgemachten Heiligtümer gehen, weil er denkt, Gott wäre wie er: Ein kleinlicher Aufrechner, der aus Angst vor dem Nächsten und dem Fremden seine kleine Welt zu verteidigen sucht.

Gott aber ist Gott. Sein Wort gilt, ein für alle mal. Ein einziges Mal ist er erschienen. Ein einziges Mal hat er gesprochen. Mit einem Wort hat er die Welt erschaffen. Ein einziges Mal. Ein für allemal. Das muss genügen!

Der ängstliche Mensch aber traut diesem Gott nicht. Er kann es nicht, weil er glaubt, Gott wäre wie er. Gott sei Dank ist Gottes Gericht aber nicht von Menschenart. Vom Virus dieser Vermenschlichung Gottes kann nur der geheilt werden, der sich seiner eigenen Unnötigkeit stellt. Der Tod wird es ans Licht bringen: Dir, Mensch, gehört hier nichts. Und der Schein weicht dem Sein, wenn die Selbstunbewussten vor Gott gerichtet werden und endlich Gestalt annehmen. Dann hoffentlich werden sie sich ihrer selbst bewusst werden, im Angesicht des ganz Anderen. Was aber hindert dich, o Menschen, dich diesem gestaltgebenden Gericht Gottes jetzt schon zu stellen und aufs Ganze zu gehen? Erkenne dich selbst – im Fremden und Anderen!

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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