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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 4. Adventssonntag, Lesejahr C

Mit einem kühnen Quintsprung schwingt sich die Melodie in die Höhe, um dann verwegen noch  eine Stufe weiter höher zu klettern. Puer natus est – die Antiphon zum Introitusgesang der Heiligen Messe am Tage des Hochfestes der Geburt Jesu Christi lässt keinen Zweifel daran: Hier wird ein Fest gefeiert – und wo gefeiert wird, da muss man jubeln:

Puer natus est nobis, et filius datus est nobis – Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.

Dieses Zitat aus Jesaja 9,6 bildet den Kern der messianischen Verheißung des Weihnachtsfestes, auf das sich in diesen Tagen nicht nur die Kirche, sondern die Gesellschaft allgemein zubewegt. Man hat sich an die Worte so gewöhnt, dass man ihre Provokation gar nicht mehr wahrnimmt. Zu oft sind sie schon erklungen. Sie gehören zu Weihnachten, wie der Glühwein und die adventlichen Wetterberichte im Radio, in denen die Moderatoren den Meteorologen bereits zum 1. Advent die Verheißung einer weißen Weihnacht abtrotzen möchten, die – rein statistisch gesehen – doch nur alle Jubeljahre stattfinden kann.

In diesem Jahr aber ist alles irgendwie anders. Die Schneeglöckchen schlagen aus, weil das Wetter mehr an Frühling denn an Winter erinnert. An den Glühweinständen prostet man sich schon mit einem gekühltem Gerstensaft zu. Manch einer mag daran denken, mit der Familie am Heiligen Abend die Grillsaison zu eröffnen. Und in der Kirche predigt man wie alle Jahre wieder, dass Gott uns als Kind nahe gekommen sei, bevor dann das gefühlige „Stille Nacht, heilige Nacht“ doch noch einen Hauch winterlicher Kälte in die Herzen der Menschen zaubert, die danach endlich zum Wesentlichen schreiten und eine schöne Bescherung mit allem was dazu gehört anrichten. Das Kind – es liegt in der Kirche in der Krippe – ein holder Knabe mit lockigem Haar, der selig lächelnd genauso wenig aufrüttelt wie die seicht wiegende Melodie von Franz Xaver Gruber. Eine große Sekunde nach oben und wieder nach unten zu einer kleinen Terz. Sanft wiegend. Eher ein Schlaflied als ein Weckruf. Stille Nacht. Heilige Nacht. Gute Nacht.

So kann man keine Feste feiern. So kann man sich sanft zur Ruhe betten. Die Zeit des Hohen Advent, die am 17. Dezember beginnt, und die von den großen O-Antiphonen geprägt ist, die in der Vesper zum Magnificat gesungen werden, hat noch ganz andere Erwartungen geweckt: O Weisheit – O Herr – O Wurzel Jesse – O Schlüssel Davids – O Morgenstern – O König der Völker – O Immanuel – so wird die An- und Wiederkunft des Gottessohnes ersehnt. Die deutsche Übersetzung verschleiert dabei das Wortspielt, das sich hinter dem lateinischen Original verbirgt:

O Sapientia
O Adonai
O Radix Jesse
O Clavis David
O Oriens
O Rex gentium
O Emmanuel

Die Worte ergeben rückwärts gelesen das Akrostichon Ero cras – das bedeutet: „Ich werde morgen da sein“.

Die O-Antiphonen erklingen vom 17. bis zum 23. Dezember. Jeden Tag eine. Die Erwartung auf das Fest der Geburt Jesu wird so gesteigert. Die verborgene Gegenrede des Ero cras hingegen sendet deutlich die Botschaft in die Welt zurück: Was in den Himmel hinein erbeten wird, wirkt sich auf der Erde aus. Die Menschheit befindet sich in der Zeit zwischen An- und Wiederkunft. Das ist keine Zeit für den fromm-versunkenen Schlaf. Es ist die Zeit der frohen Erwartung. Es ist die Zeit der Festvorbereitung. Und das Fest muss gefeiert werden, wenn die Festzeit da ist.

Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? (Matthäus 9,15)

So antwortet Jesus auf die Frage, warum seine Jünger nicht fasten würden, bevor er noch hinzufügt:

Es werden Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein: dann werden sie fasten. (Matthäus 9,15)

Schaut man sich an, wie skeptisch manch ein Jesusjünger heute auf den vorweihnachtlichen Trubel schaut, dann scheint es tatsächlich Fastenzeit zu sein. Während man vom Jesus, dem Geschenk Gottes, redet, versucht man gleichzeitig, gegen die menschliche Neigung anzurennen, sich gegenseitig zu Weihnachten zu beschenken. Und weil man der eigenen weihnachtlichen Floskeln überdrüssig geworden ist, versucht man neue hippe Formulierungen zu finden, die das Geheimnis der Weihnacht in ein neues Kleid zwängen sollen. Eine der schönsten Wortunglücke der theologischen Gegenwart lautet in diesem Sinne, Weihnachten sei Gottes „Offenbarungszuwendung“. Wobei: Das kann man vielleicht doch verstehen, denn mit einer Weihnachtsgratifikation können viele doch etwas anfangen …

Ach, wäre sie doch nicht so still, diese Heilige Nacht. Würde sich das Volk Gottes doch nicht selbst in den Schlaf singen und predigen lassen. Würde es doch feiern, eilend, wie weiland die Hirten von dem Feld zur Grotte hin laufen, tanzen wie die Engel, die im Himmel ihr nie enden wollendes Gloria singen, und würden sie sich doch der Geschenke freuen, die man ihnen macht – ohne sich ein schlechtes Gewissen zu machen. An keiner Stelle ist schließlich überliefert, dass Maria und Josef Gold, Weihrauch und Myrrhe der persischen Priester zurück gewiesen hätten – auch wenn man vermuten darf, dass sie nicht so recht etwas mit diesen Geschenken anzufangen wussten, wo eine Familie mit einem Neugeborenen in einem Stall im Nirgendwo Judäas doch sicher andere Bedürfnisse hatte …

Im Nirgendwo Judäas, da wurde dieses Fest gefeiert, in einem Ort, den bereits der Prophet Micha preist, wie es in der ersten Lesung vom vierten Advent im Lesejahr C heißt:

Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen. Darum gibt der Herr sie preis, bis die Gebärende einen Sohn geboren hat. Dann wird der Rest seiner Brüder heimkehren zu den Söhnen Israels. (Micha 5,1f)

In den unmittelbar vorher gehenden Versen mahnte Micha noch:

Jetzt ritze ich dich wund, Tochter der Trauer! Wir werden von Feinden belagert: sie schlagen dem Richter Israels mit dem Stock ins Gesicht. (Micha 4,14)

Die Angst ist in diesem Vers zu greifen. Die Angst sitzt dem Volk in den Gliedern. Die Ungewissheit treibt den Angstschweiß durch die Poren. Das Zutrauen in die eigene Stärke ist verschwunden. Das Volk ist schwach, weil es sich selbst nicht mehr traut. Es war die Zeit, in der Assur – das heutige Syrien – zu einer unheimlichen Bedrohung für das Volk Gottes wurde. Dabei weiß Micha, dass die eigentliche Bedrohung aus der Mitte des eigenen Volkes wächst: Es ist die Habsucht der Reichen (vgl. Micha 2,1-11), die die innere Solidarität des Volkes zerstört; es ist der fortgesetzte Rechtsbruch der vielen im Volk, die nur den eigenen Vorteil sehen, der den stärkenden Zusammenhalt von innen zerfrisst (vgl. Micha 3,1-4); es ist die Habgier derer, die eigentlich den Namen Gottes ausrufen sollen, die die Moral des Volkes von innen heraus wie ein Krebsgeschwür befällt (vgl. Micha 3,5-8); und es ist Korruption derer, die Ansehen genießen, die die Gesellschaft in Trümmer legt (vgl. Micha 3,9-12).

Die Anklagen des Micha könnten in unsere Zeit hinein gesprochen sein. Habsucht, Egoismus, Übervorteilung, Missachtung des Rechts, Korruption – das sind die Symptome der kranken Gesellschaft Europas. Ein so geschwächter Leib ist anfällig für Infektionen aller Art. Und der Leib ist infektiös. Nationalismus und Populismus gedeihen wie der Eiter in den Pocken des Kranken blüht. Schon erklingt wieder stereotyp der Ruf nach einem Sündenbock. Man erhebt aber das Haupt nicht mehr, sondern geht ausgezehrt klagend daher. Niemand feiert mehr ein Fest. Keiner singt mehr Lieder, sondern man zetert und krakeelt. Und dahinein erklingt der Weckruf des Micha:

Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen. (Micha 5,1)

Aus dem Niemandsland Judas heraus wird Gott selbst wirken. Das ist das eigentlich Irritierend an der christlich-jüdischen Tradition: Nicht der Mensch muss kämpfen; Gott streitet für sein Volk. Er, dessen Ursprung in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen liegt.

Aber Gott greift nicht einfach so ein:

Darum gibt der Herr sie preis, bis die Gebärende einen Sohn geboren hat. (Micha 5,2a)

So wie eine Schwangerschaft eine Zeit der Reifung ist, so muss auch das Volk selbst reifen. Es muss die eigene Trotzphase überwinden und der pubertären Selbstbemitleidung entwachsen. Es muss aufhören sich selbst zu sedieren, sondern sich aufrichten. Es muss die Auseinandersetzungen und Herausforderungen der Zeit bestehen. Darum gibt der Herr sie preis, denn erst wenn die Zeit reif ist, kann die Gebärende einen Sohn hervorbringen, der die Ordnung wieder herstellt:

Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde. Und er wird der Friede sein. (Micha 5,3.4a)

Gott ist es, der den Frieden aufrichtet. Und dieser Friede geht von Bethlehem aus, dem Geburtsort Jesu. Noch ist die Zeit des Weges nach Bethlehem. Aber bereits auf diesem Weg ist die festliche Vorfreude zu spüren. Es ist zu spüren, wie der Tanz beginnt. Das Hüpfen und Jubeln nimmt seinen Anfang. So heißt es im Evangelium vom vierten Advent im Lesejahr C, das von der Begegnung der beiden Schwangeren Maria und Elisabeth erzählt:

Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. (Lukas 1,41f)

Hüpfen und mit lauter Stimme rufen – so feiert man Feste!

Der Heilige Abend und das dort beginnende Weihnachtsfest stehen bevor. Ach, würde es doch ein wirkliches Fest werden, bei dem gefeiert wird, bis die Schwarte kracht. Würde man doch jubilieren, wie in dieser lateinischen Introitus-Antiphon vom Weihnachtstag: Ein kühner Quintsprung nach oben, um noch weiter zu steigen. Diese verstandesklare Melodie wiegt niemanden gefühlsduselig in den Schlaf. Sie bleibt oben und hält die Spannung bis in das nobis hinein, in dem die Melodie Energie gewinnt: Ein Sohn ist uns (!) geboren. Wer kann da schon sitzen bleiben. Springt auf, kühn, wie es die Quinte fordert. Und ein zweites Mal schwingt sich die Quinte nach oben: et filius. Jetzt aber senkt sich die Melodie nach unten, schrittweist strebt sie so dem erneuten nobis entgegen: et filius datus es nobis. Ein Sohn ist uns (!) geschenkt. Die Melodie des alten gregorianischen Introitus ist Botschaft in sich: Es geht immer um uns. Gottes ganzes Handeln dreht sich um uns. Er kommt vom Himmel herab zu uns. Unsere Aufgabe aber ist es, uns in den Himmel auszustrecken, kühn und verwegen, weil Gott es so will.

Weihnachten? Das ist das Fest des Aufstandes. Die Hände zum Himmel, aufrecht stehend, vielleicht tanzend, jubilierend – so soll Weihnachten gefeiert werden. Der Friede, den Gott verheißt, ist Anlass genug, zum Jubeln. Wer will sich da noch in den Schlaf wiegen. Möge die Heilige Nacht nie wieder still sein. Wie will man den still feiern? Nein, liebe Christen: Das ist unser Fest. Lasst es krachen mit der Kühnheit der Erlösten, damit es wie Donnerhall in die Welt erschallt: Gott – unser Gott – ist da!

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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