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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 1. Adventssonntag, Lesejahr C

Er hat Witterung aufgenommen. Mit der Nase auf dem Boden folgt er der Fährte. Es sind die alten Instinkte, die wirken. Der Mensch hat sie gezähmt und sich gefügig gemacht. Der ursprüngliche Beutetrieb ist aber noch intakt. Nur wer Beute macht, kann überleben. Leben – das ist für den Instinkt eben zuerst überleben. Und dazu muss die Nase auf den Boden, um die Fährte zu wittern, die ein Festfressen verspricht.

Der Philosoph Jörg Splett machte sich in einer 1987 an der Hochschule für Philosophie in München gehaltenen Vorlesung über den Hund als vermeintlichen einzig wahren Freund des Menschen lustig: Der Hund sei kein Freund, sondern einfach nur blöd, weil er in der Gesellschaft des Menschen letztlich immer noch einem instinktiven Trieb folgen würde. Der Mensch hat erkannt, dass er durch Dressur den hündischen Trieb manipulieren kann. Letztlich geht es aber immer nur um Belohnung. Der Hund tut alles für ein Bröckchen Futter.

Diese Erkennentis des Philosophen gefällt sicher nicht jedem. Der Hund wird doch immer noch als treuer Gefährte wahrgenommen, treuer als Menschen es sein können. Ehrlich gesagt aber ist die launige Bemerkung Jörg Spletts nicht frei von Wahrheit, denn der Hund ordnet sich Herrchen und Frauchen unter. Er winselt um deren Gunst. Er ist letztlich der niedere Teil in einem Rudel. Übernimmt er hingegen im familiären Rudel die Führung, erleben oder besser: erleiden seine Besitzer wohl ein Hundeleben.

Des Hundes Nase ist ein sensibles Organ. Nach neuesten Erkenntnissen ist der Hund mithilfe der Nase nicht nur in der Lage, Personen voneinander zu unterscheiden. Er kann auch Stimmungen, Krankheiten und andere Zustände mit ihr wahrnehmen. Die Nase ist wie beim Menschen unmittelbar mit dem limbischen System verbunden. Das limbische System ist unter anderem auch für das Triebverhalten zuständig. Der Instinkt wird also wesentlich auch von hier gesteuert. Es ist eine instinktive Kommunikation, die dem Hund – sei er gezähmt oder nicht – das Überleben ermöglicht. Er nimmt auf seine Weise die Zeichen der Zeit wahr, die eine entsprechende Reaktion notwendig machen.

Der Mensch ist nicht frei von Instinkten. Aber er hat es weitestgehend verlernt, instinktiv zu handeln. Ihm fehlen dafür einfach die entsprechenden Rezeptoren. Dass der Mensch trotzdem überlebt hat, verdankt er einer anderen Fähigkeit, die ihn wie vielleicht keine andere vom Tier unterscheidet: Der Mensch ist fähig zu Reflexion. Er forscht, er analysiert, er diagnostiziert, er sucht Verständnis – und er staunt. Hund mögen den Mond anbellen; der Mensch steht zuerst staunen vor diesem Gebilde am Himmel, das er in Mythen erst als Nachtbarke begreift, bevor er später die Zusammenhänge der Himmelsmechanik anwendet um schließlich zu verstehen, dass es die Gesetze der Schwerkraft sind, die den Mond auf seiner Bahn halten. Und auch damit ist der Mensch nicht zufrieden. Er forscht weiter. Er möchte zum Mond; und er fliegt zum Mond. Und wo dieser Forscherdrang gestillt ist, setzt er sich neue Ziele: den Mars. Und auch der Mars wird nicht die letzte Grenze sein, die der Mensch zu erreichen sucht. Im Anfang war das Staunen. Und der Hund bellt immer noch den Mond an.

Menschen, die bellen, deuten nicht. Der Mensch ist aber das Wesen, das den Dingen Bedeutung gibt. Das ist seine schöpfungsgemäße Berufung. Nicht umsonst heißt es im zweiten Schöpfungsbericht der Bibel nach der Erschaffung und Belebung des Adam, dieses mit Gottes Atem behauchten Lehmwesens:

Gott der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht. (Genesis 3,19f)

Der Mensch reagiert nicht instinktiv, sondern intuitiv und reflektiv. Die Intuition ermöglicht ein unmittelbares Erfassen von Zusammenhängen, die – später – mit dem Verstand reflektiert werden. Intuition beruht auf Erfahrung, Reflexion auf Bildung. Beides zusammen verhindert nicht nur, dass der Mensch hilflos seinen Trieben ausgeliefert ist; weil es ihm an Instinkt mangelt, wäre das sein Verderben. Vielmehr ermöglichen das Ineinander von Intuition und Reflexion auch das Erfassen und Bedeuten der Zeitzeichen, ihr Einordnen und Verstehen, vor allem aber das angemessene Reagieren und Gestalten. Der Mensch ist das Wesen, das kreativ schaffen kann. Er ist dem Reiz-Reaktions-Schema eben nicht hilflos ausgeliefert. Der Mensch übersteigt sich selbst – er transzendiert sich, wie man sagt –, stellt größere Zusammenhänge her und gewinnt so den Raum zum Leben. Der Mensch überlebt eben nicht bloß, er ist zum Leben gerufen, zu einem Leben in Fülle (vgl. Johannes 10,10)!

Intuition und Reflexion – diese beiden leiten im Idealfall das menschliche Handeln. Die Zeitzeichen der Gegenwart sind nach den Pariser Terroranschlägen vom 13. November 2015 aber alles andere als hoffnungsvoll. Nach den ersten affektiven Reaktionen, in denen der instinktive Ruf nach Rache und Vergeltung noch die Oberhand hatte, ist die Zeit hoffentlich wieder reif für Intuition und Reflexion. Angst und Rache sind von jeher schon schlechte Ratgeber, Verstand hingegen ist die eigentliche Stärke. Es gilt also die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, wie es auch das Evangelium vom 1. Adventssonntag im Lesejahr C empfiehlt. Die Ausgangssituation scheint mit der aktuellen vergleichbar zu sein:

Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. (Lukas 21,25f)

Die Angst ist an allen Ecken greifbar. Terrorwarnungen, auf offener Strecke angehaltene ICEs, evakuierte Bahnhöfe, abgesagte Fußball-Länderspiele – all das könnte geeignet sein, die Angst zu schüren. Aber die Bevölkerung bleibt in der Breite erstaunlich gelassen. Und das ist gut so. Wer sich der Angst hingibt, neigt dazu, sich zu verkrümmen und zu verkriechen. Stattdessen empfiehlt das Evangelium:

Wenn (all) das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter. (Lukas 21,28a)

Der Mensch steht aufrecht. Es ist sein Wesen, aufrecht zu stehen. So hat ihn Gott geschaffen: Dass er aufrecht steht in der Welt, aufrecht und frei. Der Mensch braucht nicht die Nase am Boden zu haben, um zu überleben. Er soll aufrecht stehen und den Blick erheben. Er soll erkennen und Erkenntnis suchen. Als wichtigste Erkenntnis nennt das Evangelium den Menschensohn:

Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen. (Lukas 21,27)

Nur von ihm her gewinnen Leben und Sein Sinn. Erst in seinem Schicksal offenbart sich das Wesen des Menschen – nicht nur des Menschen an sich, sondern jedes einzelnen Menschen. In Kreuzestod und Auferstehung wird offenbar, dass Gott auch die scheinbar Gottverlassenen nicht im Stich lässt. Der Tod hat schon verloren; er braucht mehr besiegt zu werden. Von hier aus ruft Jesus selbst im Evangelium vom 1. Adventssonntag im Lesejahr C aus:

Eure Erlösung ist nahe. (Lukas 21,28)

Die nahe Erlösung – das hört sich nach Vertröstung an. Hilft das angesichts der jüngsten Ereignisse in Paris, im Nahen Osten und in der Welt überhaupt weiter?

Wer nur vom Himmel Hilfe erwartet, reagiert wie ein Hündlein, der Herrchen und Frauchen um Fressen anwinselt. Der Mensch, wie Jesus ihn will, soll anders sein:

Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt. (Lukas 21,36)

Wacht und betet allezeit! Das kann nicht meinen, das der Mensch nur mit gefalteten Händen dasitzen soll. Die alltäglichen Verrichtungen würde ein solcher Mensch nicht mehr vollziehen. Ein solches Ansinnen wäre letztlich sein Verderben.

Wacht und betet allezeit! Das führt in eine andere Richtung. Spiritualität – diese moderne Wort, das so gerne inhaltlos für irgendwelche oberflächlich frömmelnden Handlungen, die der eigenen seelischen Wellness dienen, herhalten muss – ist nichts, was man tut. Spiritualität ist eine Haltung, aus der heraus das Leben in seiner ganzen Fülle gestaltet wird. Es ist die Haltung, die den Alltag durchdringt, das Denken und Handeln, das Entscheiden und das Vollziehen des Menschen in all seinen Dimensionen. Das Leben selbst wird so zum Gebet, ohne dass auch nur ein frommes Wort gesprochen würde. Es ist die Erkenntnis, vom Geist Gottes stetig neu angehaucht und lebendig gemacht zu werden.

Diese Erkenntnis ist in diesen Zeiten wichtiger denn je. Entscheidungen sind gefordert, Handlungen notwendig. Was ist richtig, was ist falsch? O Mensch, folge nicht deinen primären Trieben. Gebrauche die dir eigenen Gaben von Intuition und Reflexion. Du hast es bis zum Mond geschafft. Heul nicht, sondern sei wachsam und aufrecht. Erhebe dein Haupt, dann bist du Mensch und siehst Menschen. Wer aber  immer das Rudel braucht, um mit den anderen heulen zu können und wer so den anderen zum bloßen Opfer macht, auf die er herabschaut, ohne sich und den anderen aufzurichten, der hat den aufrechten Gang schon längst verloren. Allein ihm fehlt die Nase, mit der er Witterung zum Leben aufnehmen könnte.

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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