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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 33. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Es sind die Tage der Not, in der viele Wort gemacht werden. Der Schockstarre des Entsetzens und dem Moment erschrockenen Schweigens folgen Erklärungsversuche, die das Unfassbare begreifbar zu machen versuchen. Es sind die immer gleichen Worte, die in solchen Momenten zu hören sind. Geradezu rituell versichern sich die Getroffenen gegenseitig der Solidarität. Und das ist gut so!

Die Feigheit der Attentäter in Paris hat über 120 Menschen das Leben gekostet. Nach allem, was man in dem Moment, in dem diese Zeilen entstehen, gut einen Tag nach der Attacke, weiß, sollen die Angreifer gerufen haben „Das ist für Syrien“. Sie kämpfen bis an die Zähne bewaffnet einen Kampf gegen Unbewaffnete. Mannhaftigkeit sieht anders aus. Märtyrertum auch. Es sind die Mächte der Finsternis die so kämpfen, verdunkelte Seelen, die das Leben verachten. Wer aber das Leben verachtet, das eigene wie das fremde, verachtet auch den Geber des Lebens.

Es gibt keine Worte die das Unfassbare begreifen können. Sinnloses kann auch durch noch so viele Zeichen, Gesten, Rituale und Erklärungsversuche nicht mit Sinn aufgeladen werden. Und doch werden viele Worte gemacht. Worte verbinden. Sie helfen, die Sinnlosigkeit zu überleben. Es muss geredet werden, um die Trauer bewältigen zu können.

Trauer ist notwendig. Wahrhafte Trauer verträgt keinen Hass. Trauer ist grausam, weil in ihr der irreversible Verlust etwa eines geliebten Menschen gegen alle Widerstände realisiert werden muss. Trauer verändert. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Die alten Sicher- und Verlässlichkeiten sind unwiederbringlich verloren. Sie werden auch nicht wiederkommen. Aus der Erinnerung an das Vergangene kann aber eine neues Bewusstsein entstehen. Wenn es entsteht, entsteht es langsam. Aus der Asche kann neues Leben erwachsen, wenn man ihm eine Chance gibt. Langsam, behutsam, mächtig.

Trauer ist still und wortreich. In der wortreichen Stille vergegenwärtigt die Trauer das Vergangene. Alte Geschichten werden erinnert und wieder und wieder erzählt. Das macht den Verlust mit bisweilen klarer und reiner Schmerzhaftigkeit bewusster. Aber es hält das Vergangene lebendig. Erst so kann neues Bewusstsein erwachsen. Die Erinnerung ist der Nährboden für das Neue.

Mit den Anschlägen von Paris am 13. November 2015 ist eine neue Ära angebrochen. Es ist Trauerzeit. Wie jede Trauer führt sie die Betroffenen an den Rand des Verstandes. Die Trauer selbst wird zum Scheideweg: Der eine Weg ist lang; er muss errungen werden. Wer sich ihm stellt, wird die Trauer bewältigen und eines Tages – keiner kennt den Tag und die Stunde – stärker als zuvor  ein neues Bewusstsein und neue Lebenskraft finden. Dieser Weg führt über die Erinnerung. Er ist schmerzvoll, weil die Trauer schmerzvoll ist.

Der andere Weg ist kurz. Er folgt dem Impuls der Rache. Er will die schnelle Genugtuung für den Verlust. Er fordert Wiedergutmachung. Der Verlust aber ist unwiederbringlich. Weil es kein „Wieder“ geben kann, macht sich Hass breit, Hass gegen alles und jeden. Es werden Sündenböcke gesucht und Schuldige. Gewalt wird mit Gewalt beantwortet. Vergeltung wird gefordert. Wer so trauert, macht nicht viele Worte, er schreitet zur Tat. Statt sich mutig der Realität zu stellen, überlässt man sich der Wut. Es ist die Spirale des Todes, in der Gewalt und Gegengewalt regieren, in der die Trauer das Nachsehen hat, weil am Ende der Eskalation niemand mehr da ist, der trauern kann. Der kurze Weg der Rache führt nicht ins Leben sondern in den Tod.

Ein bemerkenswertes Beispiel an mangelnder Trauerfähigkeit zeigte kurz nachdem die Attentate von Paris bekannt wurden Matthias Matussek, der von sich selbst in seinem Buch „Das katholische Abenteuer“ sagt:

„Mein Katholizismus ist übrigens nicht demokratisch. Er ist nicht konsensabhängig. Er ist keine Sache von Gremien und Thesenpapieren. Glaubenswahrheiten sind keine Abstimmungssache. Mein Katholizismus ist auf dunkle Art monarchistisch. Als Jesus von Pilatus gefragt wird: ‚Bist du der König der Juden?’, verweigert er stolz die Antwort. Er sagt: ‚Mein Reich ist nicht von dieser Welt.’ Das ist so anders, dass wir es gar nicht ermessen können.“

Nun hat Matthias Matussek mit einem Facebook-Posting angesichts der Pariser Anschläge erkennen lassen, dass er nicht nur nichts von der Wahrheit des Evangeliums verstanden hat. Er hat auch gezeigt, dass sein Herz letztlich so voll Hass sein muss, dass kein Platz für die Liebe Jesu sein kann. Matthias Matussek schrieb:

„Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene  Grenzen und einer Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im lande eine ganz neue frische Richtung bewegen ..“ (sic! – gefolgt von einem Smiley – Quelle: Facebookscreenshot)

Wem angesichts der Toten als erstes solche Gedanken durch den Kopf gehen, der phantasiert wohl auch angesichts des Gekreuzigten als erstes von „dunklen Monarchien“. Nein, diese Art zu denken ist zu Recht für die, die in der Nachfolge Jesu das Kreuz auf sich nehmen, nicht konsensfähig.

Typen wie Matussek nehmen für sich gerne in Anspruch, die tiefer liegenden Wahrheiten der Gegenwart zu erkennen. Sie sind die Unheilspropheten der Gegenwart, die die Trauer nicht aushalten, sondern im Terror die Zeichen der Endzeit sehen, den Anbruch des apokalyptischen Kampfes. Sie zeigen dieselben Impulse wie die Terroristen, die Allahu akhbar rufend sich selbst zu Gotteskämpfern erheben. Bloß: Was ist das für ein Gott, der seine Kämpfer gegen Unbewaffnete aussendet? Die einen schießen gegen Kaffeehaus- und Konzertbesucher; und ihre Mordtaten werden jetzt durch den Kampf gegen Flüchtlinge vergolten?

In der ersten Lesung vom 33. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres B wird die apokalyptische Vision des Propheten Daniel verkündet. Es ist schon fatal, dass die Leseordnung der katholischen Kirche diesen Text ausgerechnet zwei Tage nach den Pariser Attentaten vorsieht. Der Text beschreibt den endzeitlichen Kampf. Dieser Kampf wird aber nicht von Menschen oder Gotteskriegern geführt, sondern von Michael, dem großen Engelfürsten:

In jener Zeit tritt Michael auf, der große Engelfürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt. Dann kommt eine Zeit der Not, wie noch keine da war, seit es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Doch dein Volk wird in jener Zeit gerettet, jeder, der im Buch verzeichnet ist. (Daniel 12,1)

Der Gott, den Christen wie Juden verehren, braucht keine Menschen, die für ihn kämpfen. Im Gegenteil: Er rettet sein Volk selbst. Sein Erzengel tritt für die Menschen ein. Hier liegt der tiefe Sinn der alttestamentlich Warnung:

Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr. (Römer 12,19, Deuteronomium 32,35.41 zitierend)

Gott nimmt dem Menschen das Racherecht aus der Hand. Er allein ist Herr über Leben und Tod. Er ist der Richter. Wenn vergolten wird – wenn! – dann ist es allein Gottes Sache. Paulus folgert von hier aus:

Vergeltet niemand Böses mit Bösem! (Römer 12,17)

Auch die Apokalyptik Daniels ruft zur Besonnenheit auf:

Die Verständigen werden strahlen, wie der Himmel strahlt; und die Männer, die viele zum rechten Tun geführt haben, werden immer und ewig wie die Sterne leuchten. (Daniel 12,3)

Wer die Zeichen der Zeit also richtig zu deuten vermag, wird sich nicht billigen Rachegelüsten hingeben. Er wird sich an Gott erinnern, der allein die Seinen rettet. Dass das keine billige Vertröstung ist, zeigt das Evangelium vom 33. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres B:

In jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. (Markus 13,24-26)

Die Parallelität zur Danielvision ist unübersehbar. Im Menschensohn agiert Gott selbst. Das Schicksal des Menschensohnes wird so selbst zur Botschaft. Der Menschensohn bleibt von menschlicher Gewalt nicht verschont. Er kämpft aber nicht mit dem Schwert. Im Gegenteil. Im Anbeginn der gegen ihn gerichteten Gewalt ermahnt er den Jünger – im Johannesevangelium ist es Petrus –, der die Angreifer im Garten Gethsemane mit dem Schwert bekämpfen will und in blinder Wut einem Tempeldiener ein Ohr abschlägt:

Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zu Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. (Matthäus 26,52)

Der Weg des Menschsohnes ist nicht der von Gewalt und Gegengewalt. In ihm solidarisiert sich Gott mit den Schwachen. Er stirbt den Tod der scheinbaren Gottverlassenheit, aus dem heraus erst die letzte Gerechtigkeit Gottes sichtbar wird: Es ist Gott, der das letzte Wort hat. Es ist Gott, der Gerechtigkeit schafft. Wehe, wer sein Recht in die eigenen Hände nimmt.

Gott kann keine Krieger gebrauchen. Er braucht Verständige. Er braucht die, die im Angesicht der Not zu wahrer Trauer fähig sind und die Geschichten von ihm erzählen – Geschichten von diesem Gott, der immer wieder die Seinen aus der Not errettet hat. Das ist hart, vielleicht auch grausem, weil es nichts vom Schmerz nimmt, den die Trauer bereitet. Wütend um sich zu schlagen ist leicht. Der Weg Gottes ist das nicht.

Die Zeichen der Zeit müssen gedeutet werden. Es ist die Zeit der Entscheidung. Europa steht am Scheideweg. Wird es sich auf seine Geschichte und seine Wurzeln besinnen? Es auf dann auf den Felsen bauen, von dem der Psalmist sagt:

Gott, du mein Fels, meine Burg, mein Retter. (Psalm 18,2)

Oder wird es panisch werden und durcheinander laufen wie die Hasen?

Hasenfuß oder Fels – Europa, quo vadis? Kämpfe nicht gegen die Schwachen und Wehrlosen, wie es die selbsternannten Gotteskrieger tun, sondern mit den Waffen des Lichtes und der Gerechtigkeit:

Seid also standhaft: Gürtet euch mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes! (Epheser 6,14-17)

In diesen Tagen der Not und der unendlichen Trauer müssen viele Wort gemacht werden. Wenn es seine Werte halten will – und sie müssen gehalten werden! – dann wird es sich auf seine Geschichte und seine Wurzeln besinnen – auf das fleischgewordene Wort Gottes. Es müssen viele Worte gemacht werden. Sehr viele. Europa, steh auf und sprich!

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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