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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 3. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr A

Die Glaubwürdigkeit einer Botschaft bedarf vieler Säulen. Zuvorderst ist es die Glaubwürdigkeit des Boten, der für die Botschaft einsteht. Bestehen an seiner Lauterkeit Zweifel, kann die Botschaft noch so gut sein – man wird ihm nicht glauben. Aber auch die Form der Präsentation einer Botschaft hat Einfluss auf ihre Glaubwürdigkeit. Enthält die Form der Präsentation ein Versprechen, dass der Inhalt nicht halten kann, wird sie als Mogelpackung entlarvt. Wer einmal lügt, dem glaubt man aber nicht mehr.

Die Werbewirtschaft lebt von solchen Versprechen. Dem Kunden wird etwas verheißen, dass er braucht, damit er ein glückliches und zufriedenes Leben hat. Bedürfnisse werden erzeugt, bevor sie befriedigt werden. Heerscharen von Kommunikationsdesignern beschäftigen sich tagein tagaus mit der Vermittlung solcher Botschaften. Dabei geht es nicht um Kommunikation auf Augenhöhe, wie die Berufsbezeichnung “Kommunikationsdesigner” vermuten lassen könnte. Meist geht es eher um Manipulation.

Manipulation ist an sich ein durchaus erlaubtes Mittel in der Rhetorik. Den anderen von seinen eigenen Argumenten zu überzeugen, ist an sich nichts Ehrenrühriges. Die  Textlinguistik sieht hierin die pragmatische Dimension von Texten. Der Autor möchte seine Leserinnen bzw. Hörer ja bewegen. Sie sollen sich etwas vorstellen, ihre Haltung oder Meinung ändern oder eben ein Produkt kaufen. Die Herstellung von Glaubwürdigkeit ist die eigentlich performative Kraft einer Botschaft. Performativ ist eine Botschaft, wenn die vom Autor beabsichtige Handlung oder das angezielte Verhalten auch wirklich erreicht bzw. umgesetzt wird. Erst dann ist das Ziel erreicht.

Die Mittel, die zur Erreichung dieses Ziels eingesetzt werden können, sind vielfältig. Logik und Argumentation gehören dazu, Leidenschaft mitunter auch – denn nur ein Mensch, der für seine Sache brennt, kann andere mitreißen.

Weist eine Botschaft allerdings auf den ersten Blick logische Brüche auf, erkennt die Hörerin bzw. der Leser sofort, dass er hier hinters Licht geführt werden soll. Selbst das kann ein beabsichtigtes Stilmittel sein, denn Satirikerinnen, Komödianten und professionelle Narren leben von dieser menschlichen Lust am Lachhaften. Lächerlich hingegen macht sich, wessen Absicht nicht der gewollte logische Bruch ist, sondern der Wunsch, anders zu scheinen als das Sein eigentlich zulässt.

Die Vermittlung einer Botschaft ist also durchaus komplex. Die Vorspiegelung falscher Tatsachen erschwert sie ungemein. Die kommunikativen Möglichkeiten der Gegenwart spülen ein Vielzahl solcher Selbstverirrungen in das kollektive Bewusstsein. Manch eine Performance wird sogar zum viralen Klickhit. Die reine Klickzahl überdeckt dabei das Fiasko für den Einzelnen, der sich zwar über eine ungeahnte Berühmtheit freuen darf, dafür aber seine persönliche Integrität nicht selten aufs Spiel setzt. Peinlichkeit war sicher nicht das performativ angestrebte Ziel.

Auch die Kirche ist nicht vor solchen kommunikativen Verirrungen gefeit. Es sind nicht nur singende Ordensschwestern oder Hochzeitspfarrer, die fragen lassen, ob hier die angekündigte Botschaft im Vordergrund steht oder nicht doch die Eitelkeit der Botinnen und Boten (das Originalvideo des Hochzeitspfarrers ist übrigens mittlerweile aufgrund eines Urheberrechtsproblems nicht mehr verfügbar). In diese eigenartige Entwicklung einer krampfhaften Sucht nach Relevanz ist jetzt auch das Erzbistum Köln mit einem Video eingetreten, das für den diözesanen Ministrantentag 2014 werben soll. Unter dem Titel “All in one rythm” beginnt das Video mit getragenen Orgelklängen, die später einem satten Sambarhythmus weichen. Dazu sieht man junge Menschen, die Messdienergewänder anlegen – nicht, um jetzt, wie man vermuten könnte, in die Kirche zu gehen. Nein, im Messdienerschrank stehen auch Fußballschuhe – und ab geht es auf den Fußballplatz. Dort schmeißt sich der Torwart in Talar und Rochett sofort auf die grüne Wiese. Wenig später sieht man dann die ganze Truppe in vollem Ornat Schwebebahn fahren, während andere sambatrommelnd den Rhythmus in die Füße und die Botschaft aus dem Kopf schlagen.

Es hat den Jugendlichen, die bei diesem Dreh mitgewirkt haben, sicher Spaß gemacht. Das sei ihnen gegönnt. Allein: Messdiener sind so nicht. Niemand spielt im Messdienerdress Fußball. Die jungen Leute, die im Messdienergewand stecken, möglicherweise schon. Warum zeigt man das nicht. Warum zeigt man nicht, dass Fußballspieler auch Messdiener sein können – alles zu seiner Zeit? Warum diese angestrengte Hippness, die niemand ernst nehmen kann, weil sie nicht realistisch ist? Ist das die Botschaft, die Messdiener aussenden wollen?

Mehr noch: Der ostinate Sambarhythmus löst nicht nur erlösend die quälend trübe Orgelmusik ab und lässt so darauf schließen, dass das wahre Leben mit Sicherheit nicht in der Eucharistiefeier in der Kirche stattfindet. Er ist sicher auch aus einem anderen Grund nicht zufällig gewählt. Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien steht vor der Tür. Und auf dieser Welle muss man schwimmen. Es ist aber bei weitem keine perfekte Welle, denn allein die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ist ein schöner Schein, hinter dessen Vordergrund zahlreiche soziale Probleme, Ausbeutung von Arbeitskräften und politische Konflikte stehen, die sich in zahlreichen Massenprotesten entlarven. Sind jungen Menschen und Messdiener von heute wirklich so unkritisch geworden, dass sie die revolutionäre Kraft der eigenen christlichen Botschaft für einen billigen Werbegag verschleudern?

Das sind harte Worte, mag jetzt manche Leserin und mancher Leser denken. Das stimmt. Aber klare Worte sind die Aufgabe der Botschafter des Gekreuzigten. Einer der ersten Botschafter kommt in der ersten Lesung vom dritten Sonntag in der Osterzeit des Lesejahres A zu Wort. Petrus hält seine erste große öffentliche Rede. Er, der noch wenige Tage vorher angesichts der Verhaftung Jesu jede Bekanntschaft mit ihm geleugnet hat, tritt am Pfingsttag vor die in Jerusalem versammelte Menge und hält seine erste Predigt – wie die Apostelgeschichte insinuiert, frei und ohne Manuskript. Freilich weist die lukanische Wiedergabe deutliche Spuren einer wohlüberlegten und rhetorisch durchdachten Komposition auf. So, wie die Rede jetzt in der Apostelgeschichte steht, ist sie eher der Werk des Lukas als das des Petrus. Aber darauf kommt es nicht an, denn Lukas blickt schon auf eine Erfolgsgeschichte christlicher Verkündigung zurück, die mit der öffentlichen Verkündigung der Apostel ihren Anfang nahm.

Petrus verkündet in seiner Rede die Botschaft von Jesus, dem Nazoräer, der am Kreuz starb und von den Toten auferstand. Er behauptet die Auferstehung nicht nur, er bezeugt sie. Der Verkünder Petrus tritt als Zeuge auf. Ein glaubwürdiger Zeuge spielt auch in Gerichtsverfahren eine beweiskräftige Rolle!

Petrus untermauert sein Zeugnis in der lukanischen Überlieferung aber auch durch eine theologische Argumentation. Er führt Schriftbeweise, wenn er die Auferstehung als in der Schrifttradition der Juden, dem christlichen Alten Testament, vorgeprägt darstellt:

Brüder, ich darf freimütig zu euch über den Patriarchen David reden: Er starb und wurde begraben, und sein Grabmal ist bei uns erhalten bis auf den heutigen Tag. Da er ein Prophet war und wusste, dass Gott ihm den Eid geschworen hatte, einer von seinen Nachkommen werde auf seinem Thron sitzen, sagte er vorausschauend über die Auferstehung des Christus: Er gibt ihn nicht der Unterwelt preis, und sein Leib schaut die Verwesung nicht. Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen.  (Apostelgeschichte 2,29-32)

In seiner Überlieferung legt Lukas dem Petrus außerdem einen Satz in den Mund, der ein heilsgeschichtliches Dilemma wieder spiegelt, dessen Spannung den christlichen Glauben bis heute prägt:

Jesus, den Nazoräer, den Gott vor euch beglaubigt hat durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht. (Apostelgeschichte 2,22f)

Jesus wurde nach Gottes beschlossenem Willen hingegeben und doch werden hier Gesetzlose für seinen Kreuzestod verantwortlich gemacht.

Der Mensch kann offenkundig nicht aus seiner Haut. Gottes Heilshandeln hängt auch an einem Verrat des Judas, an dem Desinteresse eines römischen Statthalters Pontius Pilatus und an der Feigheit eines Petrus, sicher auch an den politischen Interessen der damaligen Führer des Volkes Israel. Allein: Wäre Jesus eines natürlichen Todes gestorben – die Erlösung für alle, selbst für die Sünder, hätte es nicht gegeben.

Die Worte des Petrus sind Worte, die im Magen liegen. Sie müssen gekaut und verdaut werden, damit sie in den Kreislauf des Blutes und so ins Herz gelangen und von dort in den Kopf, wo die Entscheidung zum Handeln getroffen wird. Mut, Verstand und Tatkraft sind die Tugenden, mit denen die frühen Christen verkündet haben. Aus dieser Verkündigung ist eine Kirche gewachsene, die mache Krise, manche Verirrung, ja sogar manchen Bischof und manchen Papst überstanden hat – eine Kirche, deren Jugend heute Samba tanzt … Mit Verstand, Mut und Tatkraft wird die Kirche aus das überstehen.

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

8 Kommentare

  1. Heinz E. schrieb am 4. Mai 2014 um 09:37 :

    Eine stramme Aussage, wenn Sie behaupten, dass Jesus bei erfolgreicher Reich-Gottes-Predigt und dementsprechend natürlichem Tod nicht der Erlöser gewesen wäre… Handelt es sich bei den Entscheidungen des Judas, des Pilatus und des Hohen Rates dann überhaupt noch um freie? Sind wir alle nur Marionetten in einer göttlichen Komödie?

    • Dr. Werner Kleine schrieb am 4. Mai 2014 um 13:32 :

      Die Reich-Gottes-Predigt gewinnt doch erst von Tod und Auferstehung Jesu her Bedeutung. Nicht umsonst stehen Kreuzestod und Auferstehung Jesu im Mittelpunkt der urchristlichen Verkündigung. Sie sind das Zentrum der Evangelien und des urchristlichen Glaubensbekenntnisses (1 Kor 15,3-5), das die Reich-Gottes-Predigt nicht beinhaltet. Und es ist speziell der Kreuzestod, der theologisch herausfordert. Für Paulus besteht sogar kein Zweifel, dass Christus am Kreuz sterben musste. Die Erlösung wird erst von Kreuzestod und Auferstehung Jesu her offenbar. Und erst von hier aus gewinnt seine Reich-Gottes-Botschaft Bedeutung, nicht umgekehrt. Für sich alleine ist die Reich-Gottes-Predigt sicher prophetisch. Aber solche Propheten gab es damals viele, von denen man nie wieder etwas gehört hat.Tatsächlich – und das schreibe ich ja – besteht eine Spannung zwischen dem gewollten Erlösungshandeln Gottes und den beteiligten Akteuren. Judas und Pilatus werden in manchen christlichen Denominationen (etwa in manchen koptischen Kirche) sogar als Heilige verehrt, weil sie den Plan Gottes erfüllten. Auch wenn ich soweit nicht gehen würde, legen gerade die Evangelien den Kreuzweg Jesu als geradzu hoheitliches Handeln dar. Insbesondere Johannes lässt Jesus als den eigentlichen Souverän erscheinen. Das ist sicher nachösterliche Deutung, zeigt aber, dass eine Spannung zwischen dem Willen Gottes und der menschlichen Freiheit existiert, die eine einfache Schuldzuweisung unmöglich macht. Das ist keine göttliche Kommödie, sondern das Grundproblem des Verhätlnisses zwischen Zeit und Ewigkeit. Aus Sicht der (zeit- und raumlosen) Ewigkeit ist die Zeit zur Gänze schon erfüllt. Menschen sind deshalb keine Marionetten,;die menschliche Freiheit ist vollkommen. Aus Sicht der Ewigkeit liegen aber alle menschlichen Entscheidungen, die zu allen Zeiten getroffen wurden und getroffen werden schon offen. Judas und Pilatus, der Hohe Rat und Petrus haben deshalb trotzdem ihre Verantwortung zu tragen. Darüber zu urteilen ist allerdings alleine die Sache Gottes. Und faktisch hätten sich Kreuz und Auferstehung nicht so ereignet, wie sie wirksam geworden sind, wenn die Akteure anders gehandelt hätten. Es ist und bleibt ein Spannung, die wir wohl aushalten müssen, ohne vorschnell zu urteilen. Gott allein ist der Richter. Das ist wohl der tiefere Sinn des jesuanischen “Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.”
      Dr. W. Kleine

  2. Heinz E. schrieb am 4. Mai 2014 um 13:59 :

    Ich verstehe Sie schon, ich halte diesen Ansatz trotzdem für problematisch.

    Wenn Gott wahrhaft Mensch geworden ist, dann steht am Ende dieses Lebens definitiv auch der Tod des Gottesmenschen. Dass die Predigt vom Reich Gottes die Mächtigen oder das Böse provoziert, ist offensichtlich, so dass der gewaltsame Tod mit den Bedingungen der Welt und des Menschen nahezu zwangsläufig war.

    Hier aber einen ewigen Gottesplan zugrunde zu legen, der die menschliche Freiheit total infrage stellt, finde ich sehr problematisch. Und das hat zuerst einmal gar nichts mit dem Richten zu tun. Richten möchte ich über Judas und Pilatus absolut nicht, ich möchte ihnen aber Freiheit gewähren. Und wenn die beiden nicht frei sind, dann bin ich es auch nicht, was mich sehr frustrieren würde, hätte ich mein Leben doch nicht wenigstens in Ansätzen selbst in der Hand.

    • Dr. Werner Kleine schrieb am 4. Mai 2014 um 20:30 :

      Sie denken die Ewigkeit immer noch als zeitlichen Ablauf und das Wissen Gottes um die Entscheidungen der Menschen als vorgängig. Versuchen Sie es mit einem Denkexperiment: Im Nachhinein wissen wir immer um unsere Entscheidungen. Die Ewigkeit als alle Zeit umfassender Zustand kennt schon alle Entscheidungen – gewissermaßen im Nachhinein. Dieses Wissen Gottes widerspricht nicht der Freiheit der Menschen. Zwischen Ewigkeit und Zeit besteht allerdings eine gewisse paradoxale Spannung, die wir innerzeitlich nicht auflösen können. Das Denkexperiment verdeutlicht allerdings, dass zwischen dem Wissen Gottes und seinem endgültigen, die Zeit übersteigenden Plan und der menschlichen Freiheit kein Widerspruch existieren muss. Der entsteht allerdings, wenn man Ewigkeit als Verlängerung der Zeit versteht. Ein der Zeit vorausliegender Plan Gottes würde in der Tat der Freiheit widersprechen. Ewigkeit und Zeit sind aber genau in diesem Punk verschieden.

      Sie haben Recht, dass zur Menschwerdung Gottes auch der Tod gehört. Für die ntl. Autoren ist aber gerade der Kreuzestod unausweichlich, weil er in der damaligen Zeit als Tod der Sünder und Gottverlassenen verstanden wurde. Weil Jesus gerade diesen Tod stirbt und von den Toten aufersteht, gilt die Erlösung von der Macht der Sünde. Kein anderer Tod Jesu hätte diese theologische Schlussfolgerung zugelassen.

      Dass man Jesus töten wollte, hängt übrigens nicht an seiner Reich-Gottes-Predigt. Die mag manch Mächtigen geärgert haben. Aber solche messianischen Prediger gab es damals zuhauf. Das hätte nie zu seinem Tod geführt. Das wissen auch die Evangelien. Ursächlich für den Todesbeschluss war vielmehr der Frontalangriff Jesu auf den Tempel – insbesondere im Akt der sog. Tempelreinigung. Dieser Akt war dazu geeignet, einen Aufstand auszulösen. Die Gefahr einer Niederschlagung durch die Römer war groß. Deshalb ist die jüdische Führung bestrebt, Jesus zu beseitigen. Die Reich-Gottes-Predigt als solches spielt dann zwar eine Rolle, weil man ihm das Bestreben eines irdischen Gottesreiches unterstellt. Im Prozess Jesu wird allerdings auch für Pilatus deutlich, dass dieser Aspekt in der Reich-Gottes-Predigt keine Rolle spielt (“Mein Reich ist nicht von dieser Welt.”). Selbst der messianische Anspruch ist für sich kein Grund der Verfolgung. Die aus jüdischer Sicht gotteslästerliche Infragestellung des Tempelkultes hingegen schon. Die Zwangsläufigkeit des gewaltsamen Todes kommt erst hier auf, nicht aber allein durch die Reich-Gottes-Predigt.

  3. Heinz E. schrieb am 4. Mai 2014 um 21:45 :

    Das ist mir für die Lehre, die auf Fischern und Bauern basiert ne Nummer zu philosophisch ;-) Verbunden mit der Reich Gottes Botschaft ist der Anspruch Jesus, dieses zu begründen und darin göttlich zu handeln, z.B. Sünden zu vergeben. Das ist die Provokation. Viele Theologen halten die Tempelreinigung für historisch unwahrscheinlich. Und wenn Jesus die Händler aus dem Tempel treibt, weil er das Haus seines Vaters nicht entehrt haben will, lehnt er den Tempelkult ja gerade nicht ab. Und wenn Sünde Gottesferne bedeutet, ist die Menschwerdung eben eine Entäußerung Gottes, eine Erniedrigung bis in den Tod, die Konsequenz der Sünde. Nach egal welchem Tod wäre doch die Auferstehung die Überwindung der Sünde, oder?

    Aber das sind nur Gedanken… Ich kann auch etwas mit Ihrer Argumentation anfangen! Es bleibt aber ein mulmiges Gefühl, das was Sie paradoxale Spannung nennen, das wird es sein ;-) Danke für Ihre Antworten! Ich lese Ihre Beiträge immer sehr gerne!

    • Dr. Werner Kleine schrieb am 7. Mai 2014 um 15:00 :

      Na ja, ob die Lehre tatsächlich nur auf Fischern und Bauern beruht, müsste noch einmal genauer untersucht werden ;-). Tatsächlich aber haben Sie ja eine Frage aufgeworfen (Vorherbestimmung vs. freier Willen des Menschen), die erst aus der Reflexion der Überlieferung entsteht und so – zumindest nicht in dieser Form – im NT thematisiert wird. Eine philosphische Frage bedarf einer philosphischen Antwort ;-).
      Die Sündenvergebung ist in der Tat eine Provokation, die so im NT ja auch deutlich wird. Sie ist es aber deshalb, weil die Sündenvergebung nicht nur Gott zusteht, sondern auch mit dem Tempelkult verbunden war (Jom Kippur-Fest). Die Grenzüberschreitung besteht also in einer Infrage-Stellung dieses Kultes – nicht aus der Reich-Gottes-Botschaft.
      Genau gegen diesen Kult wendet sich auch die sog. Tempelreinigung, die durchaus historisch zu denken ist. Die Mehrheitsmeinung der Exegeten stellt sie jedenfalls nicht in Frage. Man darf sich die Tempelreinigung aber eben nicht so vorstellen, dass Jesus sich dort gegen einen wild wuchernden Handel gewendet hätte. Das NT gibt uns vielmehr selbst Aufschluss über die Art des Handels. Es wurden dort Opfertiere verkauft, die für den Sühnekult notwendig waren. Die Geldwechsler wechselten die verschiedenen Währungen in die im Tempel gültige Währung und zogen die Tempelsteuer ein, aus der nicht nur der Kult, sondern auch die Tempeldiener finanziert wurden. Jesus greift mit seiner symbolischen Handlung also direkt den Kult, speziell den Sühnekult, an und damit die Auffassung der Tempelpriester, dieser Kult sei exklusiv im Tempel zu vollziehen. Jesus wendet sich nicht gegen den Tempel an sich, wohl gegen die Exklusivität.
      Dieser Aspekt wird von den frühen Christen (etwa Stephanus und später Paulus) aufgegriffen, wenn sie – nicht ohne Grund – von dem Einzelnen, aber auch von der Gemeinde als “Tempel Gottes” sprechen.
      Tatsächlich war Jesus mit dieser Auffassung zu seiner Zeit nicht allein. Die Essener etwa hielten die Tempelaristokratie für korrupt und wendeten sich ebenfalls gegen den Tempelkult. Allerdings geschah dies nicht durch einen symbolischen Akt wie bei Jesus, der gerade im Zusammenhang eines Wallfahrtsfestes (Pesach) große Aufmerksamkeit auf sich zog. In der kleinen Stadt Jerusalem, die vielleicht sonst 20.000 Einwohner zählte, dürften jetzt zehnmal soviel Menschen gewesen sein. Jerusalem war dann ein Pulverfass, die Atmosphäre religiös aufgeladen. Der Akt Jesu war also durchaus gefährlich und hätte zu einem Aufstand führen können.
      Diese Gemengelage – symbolischer Akt gegen den Tempelkult und Sündenvergeben – stießen auf den erheblichen Widerstand der jüd. Autoritäten und führten zum Tötungsbeschluss. Hier ist die Überlieferung der Evangelien durchaus historisch und glaubwürdig.

  4. Heinz E. schrieb am 11. Mai 2014 um 10:39 :

    Nunja, die Frage nach Umkehr und Sündenvergebung ist für das NT und die Juden der Zeit Jesu von Bedeutung, weshalb? Hat sie nicht mit Freiheit und der Frage nach einer bewussten Umkehr zu tun? Die Sprache ist natürlich nicht philosophisch, andererseits hat Jesus ja sicherlich Kontakt zur griechischen Kultur gehabt.

    Aber die Ausgangsfrage war ja auch, ob auch der natürlich Tod Jesu dessen Gottessohnschaft und Erlösungsbedeutung erwiesen hätte ;-) Eine durchaus nicht philosophische Frage ;-)

    Und ja, ich denke auch, dass sein Tod mit seiner Tempel- und Torakritik zu tun hatte!

    • Dr. Werner Kleine schrieb am 11. Mai 2014 um 21:35 :

      Jetzt wollte ich gerade hier antworten, da geht das Thema schon beim nächsten Beitrag weiter. Ich empfehle deshalb auch die Lektüre des Kommentarthreads zum Beitrag “Fest machen”. Trotzdem bleiben auch hier weitere Kommentare ausdrücklich erwünscht.

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