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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – Vierter Fastensonntag, Lesejahr A

Die Krise ist eine Verheißung. Sie fordert Entscheidungsstärke. Wer sich vor der Entscheidung drückt, mag zwar den Standort sichern. Zukünftige Wege aber bleiben ihm, der den sicheren Ort liebt, verborgen. Das Leben aber kennt keinen Stillstand. Es ist Fortschreiten, Fortschritt auf unbekannten Pfaden. Was zurückliegt, ist bekannt, aber vergangen. Was kommt, ist unbekannt, muss aber beschritten werden. Das Jetzt aber ist der Moment, der nicht verweilen kann. Jedes Jetzt wird sofort zur bekannten Vergangenheit. Unfähig, die Gegenwart fixieren zu können, ist der Mensch verdammt zum Fortschreiten in seinem Leben. Wer in der Krise stehen bleibt, hört auf zu leben. Der sichere Ort – sein Name ist „Tod“.

Wissen kann man nur Vergangenes. Zukünftiges kann man erhoffen, ersehnen, erträumen. Das Zukünftige schmeckt nach Leben. Es ist voller Dynamik. Man kann sich vor dem Zukünftigen auch fürchten und ängstigen. Das Unbekannte ist das Nicht-Gewusste. Und das Nicht-Gewusste erscheint dem Menschen unheimlich. Ohne Heim aber ist der Mensch schutzlos. Schutzlosigkeit aber bedeutet Herausforderung, Gefahr, Anstrengung – Leben eben. Der zukunftsfähige Mensch lebt. Leben bedeutet, Zukunft haben.


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – Dritter Fastensonntag, Lesejahr A

Der kleine Glauben findet seinen Ausdruck im sehnsüchtigen Gebet um Erlösung. Es erscheint fast, als wolle man mit Kerzen, Kniefall, Kollektenopfer sichergehen und sich seinen Platz in der Nähe Gottes reservieren. So ist es menschlich, so kennt man es: Eine Leistung berechtigt zu einer Gegenleistung. Und so ist das, was der Mensch auf Erden wohl für Gott tut, doch eine sicherere Bank als die feste Burg Gottes, von der Psalm 46 singt:

Gott ist uns Zuflucht und Stärke, als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten. (…) Mit uns ist der Herr der Heerscharen, der Gott Jakobs ist unsre Burg. (Psalm 46,2.8)

In diesem Vertrauen bewältigt der Psalmist sogar die schwierigsten Herausforderungen, die das Leben bereithält:


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – Zweiter Adventssonntag, Lesejahr A

Das Gute hat in diesen Zeiten seine Schuldigkeit getan. Gutes tut man nicht mehr, man will es höchsten empfangen. Ein Gutmensch zu sein, ist zu einem Schimpfwort derer geworden, die tolldreist allem Glauben schenken, was sie hören wollen. Der tolle Mensch von heute schmäht den Gutmenschen als naiv. Der tolle Mensch hat ja die Wahrheit für sich gepachtet. Er ist die Mitte seiner Welt, jene Mitte, von der er Oben und Unten definiert, Rückwärts und Vorwärts und Seitwärts. Der tolle Mensch der Gegenwart betreibt ständig jene Selbstapotheose, die ihn über die Dinge erhebt. Er erschafft sich Reiche eigenen Wissens. Einem Gott gleich definiert er sein selbstkonstruiertes Wissen als alleine verbindlich. Die Huldigungen, die ihm die gefilterten Rückmeldungen der sogenannten „sozialen Netzwerke“ offerieren, bestätigen ihn, der in einer Blase sitzend in der eigenen heißen Luft räkelt. Im heißen Stream werberelevant gefilterter Meinungen nimmt er nicht mehr wahr, dass die Welt außerhalb der sogenannten „sozialen Netzwerke“ kälter wird. Dunkel wird es im Land des Abends, dunkel im Land der ehemaligen Dichter und Denker.

Es ist die Angst vor der inneren und äußeren Leere, die den tollen Menschen in die Filterblase treibt. Dort ist er zu Hause. Dort findet er die, die seines Sinnes gleichgeschaltet sind. Die Komplexität des leeren Raumes erträgt er nicht. Der tolle Mensch braucht die Vereinfachung. Er organisiert seine unterkomplexe Welt überschaubar, indem er polarisiert. Wo nur zwei Pole sind, braucht es keine bunte Welt mehr. Auf dem einen Pol sitzt er ja selbst, der tolle Mensch. Und wer auf dem anderen Pol sitzt, ist automatisch gegen ihn. Er ahnt wohl, dass es gut ist, dass da auf dem anderen Pol noch welche sind, die das Gleichgewicht halten. Die Gutmenschen stabilisieren ihn. Weil er in ihnen sein Spiegelbild sieht, erschrickt er aber ständig. Denn was er sieht, gefällt ihm nicht, dem tollen Menschen. Er erkennt in ihnen sein eigenes Nichtverstehen. Er nimmt seine Lüge wahr, will sie aber nicht wahrhaben. Der tolle Mensch mag niemanden, der möglicherweise Recht haben könnte. Denn dann kommt der Zweifel. Und Zweifel mag der tolle Mensch nicht. Er ist der Gott seiner selbsterschaffenen Welt. Was kümmert ihn die Realität. Er ist Gott!


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 29. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Im Bewusstsein um die Erhabenheit seiner Würde neigt der Mensch dazu, sich die Welt schön zu denken. Ein Wesen wie er, begabt mit Verstand und Selbstbewusstsein, kann nur der Fixpunkt sein, den Archimedes suchte, um die Welt aus den Angeln zu heben. Wahrlich: Der Mensch macht sich die Welt nicht nur untertan. Er konstruiert sich seine eigenen Weltrealitäten. Er schafft sie immer wieder neu, um sie handhabbar und begreifbar zu machen. Der Mensch konstruiert sich seine Wirklichkeit selbst – und sei es um den Preis der Realitätsverweigerung.

Gerade der postmoderne Mensch der Gegenwart liebt sich selbst um dieser Selbstsuggestion absoluter Autonomie willen sehr. Sich narzisstisch im Glanz des eigenen Spiegelbildes sonnend konstatiert er, dass die Realität ihm zu gehorchen hat. Er ist die Macht, die gottgleich Wirklichkeiten schafft. Er verflucht, was sich ihm widersetzt. Wirklich hat gefälligst nur das zu sein, was er will. Dieser tolle Mensch ist nicht mehr ein Geschöpf, einer Welt ausgesetzt, deren Voraussetzungen ihm Leben ermöglichen, wenn er sich eben mit jenen Voraussetzungen auseinandersetzt. Nein, dem tollen Menschen von heute ist die Welt kein Gegenüber mehr, sondern bestenfalls Objekt, denn er schafft sich seine Welt selbst. Der tolle Mensch von heute ist ein Avatar, der die analoge Wirklichkeit der Welt nur dann braucht, wenn sie ihm in den Kram passt. Wenn sie hingegen zum Störfaktor seines Wünschens und Denkens wird, wird sie schlicht mit einem Bann belegt. Wo käme der tolle Mensch der Gegenwart denn hin, wenn er den Gesetzen der Wirklichkeit gehorchen müsste. Er ist es doch, der sagt, was geht und was nicht; er setzt doch die Maßstäbe, dessen größter er selbst ist, der Fixstern, die Sonne im Mittelpunkt des Egosmos. Wie groß muss er doch sein, weil die Welt um ihn kreist.

Als herausragender Vertreter des tollen Menschen der Gegenwart hat sich jüngst der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer erwiesen, der mit Blick auf die politischen Entscheidungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel bezüglich der Bewältigung des Flüchtlingsstroms kategorisch feststellt:


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 27. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Es war ein stiller Anfang voller Energie. Der Urknall machte keinen Lärm. Ungeheure Licht- und Energiemengen brauchten Raum und schufen ihn und mit ihm die Zeit. Im Beginn des Werdens ereignete sich schon das Vergehen. Energie wurde zu Materie und Materie zu Energie. Nur laut war es nicht. Es fehlte noch das Medium, in dem sich die Schallwellen ausbreiten konnten. Es muss also ein lautloses und doch mächtiges Wort gewesen sein, durch das das Sein, wie wir es kennen, seinen Anfang nahm.

Die Welt, wie wir sie kennen und wahrnehmen, ist im Grundsatz geordnet. Die Naturgesetze gelten im gesamten Universum. Man kann sich auf sie verlassen. Die Welt ist berechenbar. Und selbst die chaotischen Strukturen folgen in ihrer Tiefe letztlich berechenbaren Gesetzmäßigkeiten, die ob ihrer Komplexität und wechselwirksamen Verflechtungen für den Menschen (noch) zu unüberschaubar sind. Selbst das Chaos ist Teil des Kosmos.

In der Welt, wie wir sie kennen, gibt es neben den naturgesetzlichen Grundkonstanten aber noch andere Prinzipien, die unübersehbar vor allem das Leben an sich prägen. Zu diesen Grundkonstanten zählt zum einen die Erkenntnis des Prinzips “Sehnsucht”. Leben existiert nicht für sich. Es ist auf Vermehrung hin angelegt. Wie sehr die Macht des Lebens drängt, kann überall dort beobachtet werden, wo das Leben nur den Hauch einer Chance hat. Es erobert sich jede Ritze, jeden Winkel, jeden Spalt. Das Leben selbst scheint ein Schöpfungsprinzip zu sein. Von daher kann es nicht verwundern, wenn auf anderen und fernen Planeten dereinst Leben entdeckt wird, wo doch schon jede irdische Asphaltwüste der Lebensmacht der Flechten und Sporen kaum etwas entgegen zu setzen hat. Die Schöpfung scheint sich geradezu nach Leben zu sehnen.


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – Vierter Adventssonntag, Lesejahr B

Die Frucht der Aufklärung, so hat es allenthalben den Anschein, ist die Furcht vor dem Unbekannten. Die Furcht schlägt die Vernunft in die Flucht, derweil der aufgeklärte Mensch der Postmoderne sich im Glanz des geflohenen Verstandes sonnend Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt. Sein Wahlspruch ist nicht mehr das altehrwürdige “Sapere aude” – Wage es, weise zu sein!, sondern das Weisheit nicht unbedingt voraussetzende “Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!”. Unter dem Mäntelchen der grundrechtlich verbürgten Meinungsfreiheit spricht man dann gerne anderen ebenso verbürgte Grundrechte ab. Und so dichtet und denkt das Volk der toten Dichter und Denker schon lange nicht mehr, sondern folgt lieber Führern von Meinungen, die vor allem auf dem Hörensagen beruhen, Gerüchten und behaupteten Verschwörungen, deren Fundament die Angst ist, die aus dem Verlust der eigenen Identität erwächst.

Es ist in Wirklichkeit der Horror vacui hominis in se incurvati, die Angst vor der Leere des in sich selbst verkrümmten Menschen, die sich hier Ausdruck verleiht. In seinem Streben nach Autonomie hat der postmoderne homo sciens, der Mensch, der alles zu wissen glaubt, nicht nur den Himmel leer geräumt. Er hat auch die Mythen als das entlarvt, was sie sind: Mythen eben, identitätsbildende Erzählungen, die die Welt in einer Weise bildhaft erklären und erschließen, wie es mathematische Formeln nie leisten werden. Man kennt das Heranwachsenden: Wer als Kleinkind noch dem Mythos des Weihnachtsmannes erlag, hat als Schulkind seine Freude an der Entdeckung des Geheimnisses. Er entdeckt, dass sich hinter dem Mythos des Weihnachtsmannes die Realität vielleicht des liebenden Vaters verbirgt, der seinem Kind eine Freude macht. In der Pubertät aber wird sich der natürliche Konflikt mit dem Vater auch in der völligen Dekonstruktion des Weihnachtsmannes entladen. Die aufkommende Autonomie zerstört den Mythos. An seine Stelle tritt das Ich, das kleine, unerfahrene Ich des pubertären Gernegroß. Viele, allzu viele bleiben hier in ihrer mythischen und religiösen Entwicklung stehen. Sie schaffen es nicht, eine wahre Identität auszubilden und das Geheimnis neu zu entdecken, nicht mehr im kindlichen Mythos, sondern im Symbol. Dem postmodernen Menschen ist diese Fähigkeit symbolischer Kommunikation weitestgehend abhanden gekommen. Er ist nicht mehr in der Lage, metaphorisch zu denken und zu sprechen, Gleichnisse bleiben ihm fremd. Er kennt nur noch die scheinbare Realität des Hören-Sagens. Die Vielschichtigkeit der Kommunikation bleibt ihm verschlossen. Die damit verbundene Fähigkeit einer gereiften Persönlichkeit, sich selbst zu relativieren, ja das Glück des Zweifels, der die Motivation ist, tiefer und intensiver nach der Wahrheit zu suchen, verursacht dem, dessen Identität eine bloß behauptete ist, Angst und Panik. Wer ausruft, er dürfe das doch wohl mal sagen, zeigt diese Angst. Denn abgesehen davon, dass die Meinungsfreiheit ihre Grenze an der Tatsachenleugnung findet, erweist sich der, der sich erkundigt, ob er etwas darf, als nicht so autonom, wie er zu sein glaubt.


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 27. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Zu den Errungenschaften der Neuzeit gehören literarische Erzeugnisse, die den vielversprechenden Titel “Bedienungsanleitung” tragen. Nicht selten sind sie der Gattung der Realsatire zuzuordnen. Manche dieser Kunstwerke sprachlicher Sparsamkeit lassen den Leser zwischen Verzweiflung und Erheiterung schwanken – vor allem dann, wenn kultur- und sprachraumübergreifend Übersetzungen zum Tragen kommen, die – damit das neu erworbene Gerät nicht durch den Einsatz menschlicher Dolmetscher verteuert wird – von einer willfährigen und allzeit bereiten Maschine mit dem viel versprechenden aber doch etwas übertriebenen Namen “Sprachcomputer” oder “Übersetzungsprogramm” erstellt wurde. Manch eine sprachliche Blüte entsteht auf diese Weise, lässt aber erkennen, dass die “Bedienungsanleitung” bestenfalls ein fiktionales Gerät beschreibt, das jedenfalls nicht mit dem identisch ist, dass der gerade noch stolze Besitzer frisch ausgepackt vor sich stehen hat.

“Bedienungsanleitungen” sind wie kaum sonst ein literarisches Erzeugnis geeignet, das Unvermögen der menschlichen Sprache aufzudecken. Man kann noch so viele Worte machen: das Eigentliche bleibt ungesagt. Es ist die Intuition des Menschen, die ein Gerät dann doch noch nutzbar macht. Es verwundert daher nicht, dass viele Produzenten mittlerweile auf die Herausgabe von Bedienungsanleitungen verzichten. Stattdessen machen sie ihre Geräte intuitiv bedienbar. Im Entdecken und Erleben erschließt sich der Gebrauch. Das Erleben geht vor der Beschreibung des Erlebens. Noch so viele Worte können das Leben selbst nicht beschreiben, sondern stellen immer nur ein unvollkommenes Abbild dar.

Die frühen Christen wussten um dieses Phänomen. Sie hatten keinen Zweifel daran, dass man nicht über das Heil reden kann; man musste Heiliges erleben und erfahren, um dadurch verändert heilig leben zu können. Die Erfahrung ging der Lehre voraus, das Sakrament stand vor der Katechese. Man war sich bewusst, dass man nicht über etwas reden kann, was man nicht erlebt hatte. Über die Bedeutung der Taufe etwa kann man viele Worte verlieren. Dass sie ein Mitsterben und Mitauferstehen mit Christus ist, wurde denen, die in der frühen Kirche getauft wurden, im Erleben der Taufe selbst unmittelbar deutlich: Das Ablegen des alten Menschen im Ablegen der Kleidung, das Hineinsteigen in das Taufbecken, das Untertauchen in das Wasser – besser: das dreimalige Untergetaucht- und Unter-Wasser-Gehalten-Werden – bis einem fast die Luft wegblieb, das dreimalige Heraufgehoben-Werden, bei dem man begierig die Luft wie neues Leben einsog, und schließlich das Anlegen der weißen Gewänder machten deutlich, dass man aus dem Taufbecken neu Geborener stieg – all das machte auf eine unmittelbare, mit Worten nicht sagbare Weise deutlich:


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Die Täuschung des Zustandes absoluter Freiheit genießt der Mensch nur wenige Jahre. Die Entdeckung der eigenen Möglichkeiten, die Freiheit von Verantwortung, die Erkenntnis des eigenen Selbst – all das wird den weiteren Lebensweg prägen, zum Guten wie zum Schlechten. Denn nicht jeder erlebt diese Illusion eigener Mächtigkeit; für nicht wenige wird diese Zeit eine Zeit der schlechten Erinnerungen, der Ohnmacht und des Versagens sein. Trotzdem wird diese Zeit oft glorifiziert, diese Zeit der Jugend, in der alles möglich schien und der ungeliebte Schutz der Eltern einen Raum der Sicherheit gewährte, die den Schein der Freiheit erst ermöglichte.

Soziologische Studien versuchen den Zeitraum der Jugend immer wieder neu zu definieren. Oft wird der Definition der Faktor wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Elternhaus zugrunde gelegt. Dann kann es schon einmal sein, dass die Jugend erst mit 29 Jahren oder später endet. Faktisch aber wird man sagen müssen, dass die Jugend im Sinne der Individuation, also der Selbstfindung, meist mit dem Ende der Schulzeit zusammen fällt. Der Beginn eines Ausbildung oder eines Studiums, früher auch der Wehr- oder Zivildienst, setzen der vermeintlichen Freiheit nicht nur ein jähes Ende; häufig ist er auch mit einem Wechsel der Beziehungen verbunden. Die alten Freundschaften der Jugend lösen sich auf, weil die Bezugsgruppen sich ändern. An die Stelle der Schulklasse tritt das universitäre Seminar, an die Stelle der Jugendgruppe der Ausbildungsgang. Neue Leute werden wichtig. Auch Mobilität ist angesagt, denn wer fortkommen will, muss flexibel sein. Die Geburtsstadt wird zum Ort der Erinnerung in einer Zeit, in der man der Erwerbstätigkeit folgend an neuen Orten Wohnsitz nimmt.

Die Jugendzeit dürfte also jenseits aller berechtigten soziologischen und psychologischen Definitionen in Zeiten des G8-Abiturs mit etwa 18 Jahren beendet sein. Faktisch dauert das scheinbare Freiheitserleben damit wohl nicht mehr als 3-4 Jahre an – 3-4 Jahre, die prägend für das weitere Leben sein werden. Später wird man sich an diese kleine Lebensspanne intensiver Emotionen mit Wehmut erinnern – als wenn nach 3-4 Jahren das Leben vorbei wäre. Es gibt deshalb kaum eine Institution oder Vereinigung, die nicht ihr zukünftiges Heil in der Jugendarbeit sieht. Kirche und Parteien, Gewerkschaften und Umweltschutzorganisationen, Sportvereine und Hilfsdienste – alle sind bestrebt, die Jugend zu erreichen. Die Etats der Jugendarbeit sind oft so gut ausgestattet, dass man den Eindruck gewinnen könnte, danach käme nichts mehr.


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Es gibt Legenden, die halten sich hartnäckig, obwohl ihnen jede Grundlage fehlt. Die standhafte Wiederholung und redundante Behauptung schafft eine Wirklichkeit, die es gar nicht gibt. Im Mittelalter war es die Behauptung der sogenannten Konstantinische Schenkung. Mit dieser Legende, die auf einer nachweislich um das Jahr 800 n.Chr. gefälschten Urkunde beruhte, behaupteten die Päpste ihren Anspruch auf das gesamte ehemalige weströmische Reich. Die notorisch behauptete Echtheit hatte tiefgreifende politische Folgen; den Investiturstreit, die weltliche Macht der Päpste, aber auch die sixtinische Kapelle – es hätte sie ohne dieses Constitutum Constantini, die vermeintliche Schenkungsurkunde nicht gegeben.

Ähnlich verhält es sich mit einem Brief, der im 12. Jahrhundert auftauchte. Er sollte angeblich der Feder des Priesterkönigs Johannes entstammen – einer mythischen Figur, die angeblich als Regent ein großes christliches Reich in Ostasien beherrscht haben soll. Dieser Brief, der ebenfalls als Fälschung enttarnt wurde, war bis in das 17. Jahrhundert hinein entscheidend für mehrfache Expansionsversuche des christlichen Abendlandes nach Osten.

Ende des 19. Jahrhunderts war es ein weiterer Schwindel, der – obschon er relativ schnell aufgedeckt wurde – verheerende Folgen für das gesellschaftliche und friedliche Zusammenleben in Europa hatte. Ein gewisser Léo Taxil bezichtigte die Freimaurerei nicht nur satanischer Riten. Zusammen mit den ebenfalls als Fälschung entlarvten Protokollen der Weisen vom Zion, die den Juden eine Verschwörung zum Zwecke der Weltherrschaft unterstellten, wurde eine tiefgreifende Angst vor einer neuen, unüberschaubaren Weltordnung geschürt. Die kruden Behauptungen dieser Intrigen zeitigten – obschon schnell ihre Falschheit enthüllt wurde – menschenverachtende Folgen; sie bildeten auch ein Fundament der nationalsozialistischen Ideologie, die das Ziel der Ausrottung der vermeintlichen Verschwörer verfolgte und ihre furchtbare Konsequenz in Auschwitz fand.

Das sind nur drei Beispiele von Legenden, die – obwohl ihnen jede faktische Grundlage fehlt – immense Konsequenzen für Geschichte und Gesellschaft gezeitigt haben. Man fragt sich unwillkürlich, wie es dazu kommen konnte, dass Menschen in Massen auf diese Fiktionen und Fälschungen hereinfallen konnten. Ein Grund liegt sicher in der Präsentation der Behauptungen. Sie wurden in Form emotionaler Geschichten erzählt. Dabei hatten diese Fiktionen – wie der italienische Semiotiker Umberto Eco feststellt – einen Vorteil:


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 19. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Das Auge gehört sicher zu den komplexesten Organen, die die Evolution hervorgebracht hat. Die Komplexität dieses Organs, die Umwandlung photonisch-physikalischer Impulse in elektrische Signale, die das Gehirn als Bilder wahrnimmt, ist für sich genommen schon eine Herausforderung. Der Mensch ist zwar in der Lage, die optischen Signale als solches in Film und Foto zu fixieren. Die vitale Qualität des Reiz-Reaktions-Schemas und die menschliche Fähigkeit, die optischen Reize mit Bedeutung zu versehen, ist bisher nicht künstlich zu reproduzieren. Nicht selten ist es daher gerade die Komplexität des Auges, die angesichts dieses Meisterwerkes der Evolution vor die Frage führt, ob ein solches Organ wirklich nur ein Produkt des Zufalls sein kann.

Das Auge versetzt den Menschen in die Lage, die Farben und Formen der Welt wahrzunehmen. Er erkennt die Vielfalt und Buntheit der Welt, in der er seinen Platz finden muss. Sehen und Erkennen werden nicht umsonst in der deutschen Sprache synonym verwendet. Allein der Aspekt des Erkennens zeigt schon, dass “Sehen” nicht nur ein optisches Phänomen ist. Man muss nicht physikalisch sehen können, um Erkenntnis über die Vielfalt der Welt zu erlangen.

Um so erstaunlicher ist es, dass viele Menschen – nicht nur in der Gegenwart – offenkundig nur zu einem Denken in Schwarz-Weiß-Mustern in der Lage sind. Grauabstufungen und Buntheit sind wohl zu komplex und überfordern das eigene, selbstgestrickte Weltbild. Eine Welt, die in Freunde und Feinde aufgeteilt ist, ist leichter zu beherrschen als eine differenzierte Welt, in der man seinen eigenen Standpunkt immer wieder selbst in Frage stellen muss. Eine bunte Welt fordert intensive Kommunikationen, ständige neue Selbstvergewisserungen, weil nichts so scheint, wie es eben noch aussah. Eine bunte Welt fordert ständige Evolution, Weiterentwicklung des Selbst. Das ist anstrengend und herausfordernd. Manch einer möchte da doch lieber weiter bei seinen einfachen Denkmustern bleiben.


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