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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – Fünfter Fastensonntag, Lesejahr B

Heilmittel wirken nicht, wenn man sie nur besitzt. Man muss es sich schon einverleiben, damit es seine Kraft entfalten kann. Das Streben nach Geistlichkeit erliegt dem alten gnostischen Irrtum, wenn es das Körperliche geringachtet oder ignoriert. In der Erdenexistenz ist es ja gerade das Fleisch des Leibes, das dem Geistlichen Form und Gestalt gibt. Paulus weist zwar darauf hin, dass das Sichtbare vergänglich und das Unsichtbare ewig ist (vgl. 2 Korinther 4,14). Das aber widerspricht gerade nicht der Notwendigkeit, dass das Geistliche immer Form und Gestalt braucht. Das Fleischlich-Leibliche ist die Existenz des Geistlichen in Raum und Zeit, während das Geistliche in der Ewigkeit einer in irdischen Maßstäben nicht zu fassende „verklärte“ Leiblichkeit bedarf. Tatsächlich fasst Paulus deshalb den Tod als eine Art Umkleidung des Geistliche auf, wenn er im 2. Korintherbrief ausführt:

Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel. 2 Korinther 5,1

Wie sehr gerade Paulus aber selbst das Fleischlich-Leibliche als gestaltgebender Ort des Geistlichen schätzt, wird im 1. Korintherbrief deutlich:


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – Dritter Fastensonntag, Lesejahr B

Das Evangelium dieser Woche steht in deutlichem Gegensatz zu dem oftmals vorherrschenden „weichgespülten“ Jesusbild. Er rastet aus und treibt zornig alle Händler aus dem Tempel, schüttet das Geld der Wechsler aus und stößt die Tische um:

„Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle“ (Joh 2,16).

Kein „könnten Sie vielleicht eventuell demnächst mal ihre Sachen zusammenpacken und den Tempel verlassen“, kein freundliches Nachfragen, kein erstmal vorsichtiges Betrachten einer üblichen Verfahrensweise rund um den Opferkult im Tempel, sondern offensichtlich überschreitet dieses (damals vollkommen „normale“) Handelstreiben im Tempel (bzw. eher in dessen Vorhof) eine Grenze, die für Jesus nicht mehr diskutierbar ist. Hier kann nicht mehr gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden, sondern es gibt für Jesus nur einen möglichen Weg: der Tempel und sein Vorhof müssen ausschließlich dem Gebet gewidmet sein und das geht nur ohne Händler und Wechsler. Ein Ort des Gebetes für Juden und Heiden (denn diese durften nur in den Vorhof), auch offen für die, die sich am Tempelkult aus finanziellen Gründen nicht beteiligen konnten wollte Jesus damit wohl ermöglichen im Heiligtum seines Vaters.

Gibt es eigentlich auch für uns diese „roten Linien“? Gibt es Themen bei denen wir uns nicht versuchen dem gesellschaftlichen Mainstream anzupassen, sondern zu unserer christlichen Überzeugung zu stehen? 


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 5. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

David Cameron, der frühere britische Premierminister, hat dieser Tage die Brexitabstimmung als einen Fehler bezeichnet und die FAZ kommentierte dies zu Recht als eine Fehlentscheidung beruhend auf einer völligen Verkennung der Stimmung in der Bevölkerung. Unzweifelhaft haben eine Vielzahl von Faktoren diese unselige Entscheidung hervorgerufen, aber dieser eine Fehler dieses einen führenden Politikers hat eine entscheidende Rolle gespielt. Warum ist das so? Warum können Fehler – oder auch Geistesblitze – eines Einzelnen eine so große Rolle spielen, dass die Lebensumstände vieler Menschen davon berührt werden? 

Wer sich einmal im Vergleich zwischen Christopher Clarks Buch über den Ausbruch des ersten Weltkrieges und der Biographie von Emil Ludwig über Kaiser Wilhelm II. mit der Frage der Verantwortung für diese Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts befasst, steht vor dem unfassbaren Rätsel, dass sicher viele strukturelle Bedingungen und historische Kontingenzen zusammentreffen mussten, dass aber auch eine ganz persönliche, familiäre Charakterprägung des deutschen Kaisers ihren Beitrag leistete, die man nicht hinwegdenken kann, ohne dass auch die Folge des Kriegsausbruchs entfiele. Natürlich ist man nicht Kaiser oder sonst von erheblicher Wichtigkeit, aber diese ungeheure Bedeutung des Einzelnen lässt uns auch ohnedies vor dem Geheimnis erschauern, da doch die Unwiederholbarkeit und Einzigartigkeit jedes Menschen ebenso beeindruckend wie furchterregend ist. 


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 3. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B

Zeit kennt kein Comeback. Sie ist nicht reproduzierbar. Vergangene Zeit ist unwiederbringlich verloren. Zeit ist deshalb ein mehr als wertvolles Gut. Zeit ist Leben und Leben ist Zeit. Jemandem die Zeit zu stehlen ist zwar nicht justiziabel; gleichwohl wird dem so betrogenen Menschen ein Stück seines Lebens genommen. Der scheinbare Überfluss an Zeit ist da nur ein Täuschung.

Einmal verlebte Zeit ist verbraucht. Es ist gerade die Gewissheit des Todes, die früheren Generationen den Wert der Zeit vor Augen führt: Carpe diem – Hüte den Tag, das erweist der Zeit in dem Bewusstsein des memento mori, des „Bedenke, dass du sterben wirst“, eine besondere Ehre. Was jetzt verlebt wird, ist unwiederholbar gelebt, verlebt, genutzt oder verloren. Wer sich dessen bewusst ist, hat keine Zeit mehr zu verlieren. Jetzt (!) muss gehandelt, geliebt und gelebt werden. Die Zeit ist jenes Paradigma, das der Freiheit die Grenze der Beliebigkeit setzt.

Vielleicht sind gerade die in Gefahr, die in ständigem Kontakt mit dem Ewigen sind, zu denken, sie hätten alle Zeit der Welt. Wie sonst redeten gerade die Verantwortlichen der Kirche permanent von Zukunftsprozessen, selten bis nie aber vom heute. Die Zukunft liegt ja immer voraus. Wenn sie kommt, ist sie schon wieder vorbei. Die Zukunft ist unkonkret, das Jetzt aber der Ort des Lebens.

Deshalb wird, wer nur auf die Zukunft schaut, das Leben heute verpassen. Hier liegt doch der tiefere Sinn der Verheißung Jesu:


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 11. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Durch Gewöhnung getrübt verliert die Erkenntnis an Elan. Der Fortschritt der Gedanken wird gehemmt, denn Fortschritt bedeutet Veränderung. Die Gewöhnung aber ist der Veränderung feind. Einmal an eine vermeintliche Erkenntnis gewöhnt, verstört jede Kritik die wohlige Gemütlichkeit. Deshalb wird das Gewöhnliche schnell zur Tradition erklärt, die es zu bewahren gälte. Erschreckt vor der Autorität der Tradition wird dabei freilich übersehen, dass Tradition selbst immer ein Übergang ist, ein Fortschreiten auf dem bisher beschrittenen Weg in der Treue zu den Vielen, die auf diesem Weg vorangeschritten sind und in der Verantwortung, dass auch kommende Generationen den Weg weitergehen werden. Den Heutigen obliegt es, den eigenen Teil des Weges zu gehen – eines Weges, den sie nicht begonnen haben und den sie nicht beenden werden. Den Staffelstab der Tradition haben sie übernommen, um ihn zu tragen und einst weiterzugeben. Tradition ist der Name eines Weges, eines fortschreitenden Prozesses der Erkenntnis. Tradition ist Erkenntnis. Deshalb verändert die Tradition, wird verändert und bleibt doch Tradition. So muss keine Generation von neuem anfangen, den Urgrund der Welt zu erkennen. Die Erkenntnisse und Forschungen heute bauen auf denen auf, die vergangene Entdecker und Forscherinnen gewonnen haben; und sie werden zur Basis für neue Erkenntnisse in der Zukunft werden. Das ist Tradition – kein Zustand, sondern ein Weg. Gewöhnung ist der Tradition deshalb per se fremd.

Vom Virus der Gewöhnung sind nicht selten auch der Glaube und seine Rede von Gott und Welt betroffen. Allzu schnell wird da Jesus zum Heiland und Erlöser der Welt, zum guten Mann aus Galiläa, der Kinder segnete, Kranke heilte und auch sonst für jeden nur ein gutes Wort hatte. Es müssen deshalb böse Menschen gewesen sein, die den lieben Jesus umgebracht haben. An solche einfachen Sichtweisen gewöhnt, neigen selbst Erwachsene dazu, alles und alle, die nicht sofort mit dem lieben Jesus übereinstimmen, zu verurteilen. Im besten Fall nimmt man die Apostaten noch ins Gebet. Auf jeden Fall aber kann man die, die dem lieben Jesus nicht huldigen, nicht verstehen. Selbst steht man natürlich auf der richtigen, auf der guten Seite, auf der Seite des lieben Jesus, des Heilands. In seiner Gottheit Glanz sonnt man sich und betet darum, dass diese Gnade noch wachsen möge, während man mit wohligem Schauer auf die herab schaut, die nicht in dieser Gemeinschaft leben. Tatsächlich könnte man sich in dieser Haltung auf die Worte des Paulus berufen, wie sie in der zweiten Lesung vom 11. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres A verkündet werden:


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 7. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Selfie – die Zeitgenossen im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts werden Zeugen der Erschaffung einer neuen Instanz der menschlichen Psyche. Über-Ich, Ich, Es – das alles scheint in den Hintergrund zu rücken angesichts der Macht, das Selfie selbst zu konstruieren. Dabei stört es wenig, dass „Selfie“ linguistisch ein Diminutiv ist – also eine Verkleinerung des Selbst einschließt. Das selbstgemachte und erfundene Ich, das „Selfie“, ist bestenfalls niedlich, selbst wenn Coolness suggeriert werden soll. Das „Selfie“ offenbart nur zu schnell, dass die konstruierte Fassade nur mühsam das wahre Ich zu verschleiern vermag. Auch hier gilt: Hinter der Maske verbirgt sich das wahre Gesicht. Bleibt nur zu fragen, warum das wahre Gesicht sich eine Maske erschafft … Ist das Selbstbewusstsein tatsächlich so klein, dass es sich selbst hinter einem „Selfie“ verstecken kann?

Das Selfie soll etwas darstellen. Es ist eine tönerne Maske, in sich und an sich hohl – ein selbstreferentielles Spiegelbild eines identitären Konjunktivs: So könnte man sein, wenn es nur so wäre. Aber klingt hinter diese Maske wirklich eine Persönlichkeit?


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kath 2:30 Dies DominiDies Domino – 6. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Werte sind in Mode. Der Begriff „Werte“ gehört dabei zu den Schlagworten, die neben Begriffen wie „postfaktisch“, „populistisch“ und anderen an semantischer Diffusion kaum zu überbieten sind. Alle benutzen sie, kaum einer weiß, was mit ihnen gemeint ist. Die Begriffe wirken einfach. Ihre rhetorische Valenz ist hoch. Die Worte schlagen zu. Wer von „Werten“ spricht, kann sich der Aufmerksamkeit der Leserinnen und Hörer gewiss sein, auch wenn kaum ein Konsens darüber besteht, was „Werte“ überhaupt sind und worin sie sich begründen. Aber was will man in Zeiten erwarten, in denen selbst Wetterberichte „gefühlte Temperaturen“ prognostizieren, bei denen man sich doch fragen muss, wie „gefühlte Werte“ überhaupt gemessen werden.

Der Begriff „Wert“ ist dabei gleich in mehrfacher Hinsicht diffus. So veröffentlichte die Rheinische Post eine Umfrage, welche „Werte“ den Deutschen am wichtigsten seien. Die ersten fünf Plätze belegen „Ehrlichkeit“, „Selbstständigkeit“, „Verlässlichkeit“, „Hilfsbereitschaft“ und „Richtiges Benehmen/Anstand“. Handelt es sich bei diesen Haltungen aber tatsächlich um „Werte“? Oder sind es nicht vielmehr Eigenschaften, Haltungen eben. Woran etwa bemisst sich der vermeintliche Wert „Ehrlichkeit“? Besteht er in dem Suchen und Tun dessen, was wahr ist? Oder ist nicht auch ein Donald Trump ehrlich, wenn er seine auf alternative Fakten begründeten Versprechen in die Tat umsetzt?

Hinzu kommt als Zweites die Frage nach der Legitimation von „Werten“. Der neue Chefredakteur der Welt am Sonntag, Peter Huth, stellt hierzu grundsätzlich fest:


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Verstörung ergreift nicht selten die Frommen, wenn sie feststellen, das Glauben aus Taten besteht. Für manch einen Frommen sind das bloße Eseleien. Man müsse doch erst seine eigene Christusbeziehung begründen, sagen sie dann. Da diese Beziehung aber entweder nie tief genug sein kann oder man sich nicht sicher ist, ob man Christus überhaupt schon gefunden hat, steht der privatisierende Rückzug in die Pflege einer individualistischen Spiritualität ganz oben auf einer Agenda, die eitel von den Niederungen weltlicher Herausforderungen abwendet, um sich ganz dem zu widmen, der sich nicht zu schade war, schnödes weltliches Fleisch zu werden.

In dem steten Bestreben, sich weltlicher Belange zu entledigen, besteht indes eine eigenartige Allianz mit denen, die den Glauben gerne aus anderen Gründen aus der Öffentlichkeit verbannen möchten. Humanisten, Atheisten und Kirchenkritiker werden nicht müde, den Glauben bestenfalls als Privatsache abzutun. Eine öffentliche Sichtbarkeit von und ein kritischer Diskurs über und mit Religion und Glaube ist unerwünscht. Offensichtlich berühren die metaphysischen Fragen, mit denen sich der Glaubende auseinandersetzt, tiefsitzende Zweifel, denen der eine wie der andere gerne aus dem Weg gehen möchte. Es ist also besser, die Begegnung mit diesen Fragen erst gar nicht zuzulassen.

Die Forderung nach einem öffentlich gezeigten, gelebten und vernünftig gegründeten Glauben ist eine Zumutung ebenso für manche Fromme wie für viele Glaubenskritiker. Allein die Tatsache, dass Glauben und Vernunft keine Gegensätze, sondern Komplemente sind, die sich gegenseitig ergänzen und gerade darin tiefere Erkenntnis und Aufklärung ermöglichen, verstört die einen wie die anderen. Lieber wäre es beiden, wenn die Sache mit der Religion privat bliebe; dann bliebe man wenigstens vor unangenehmen Auseinandersetzungen verschont.


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Der Glaube stand schon in vielen Zeiten auf dem Prüfstand. Die Glaubens- und Religionskritik ist legitim, denn sie bewahrt die Glaubenden vor dem Abgleiten in die Banalität, dass man manches eben nur glauben kann. Nolens volens stimmt man dem Vorwurf der Religionskritik zu, Glaube sei eben nicht Wissen; was man aber nicht wissen könne, sei letztlich irrelevant, bestenfalls ein Opium für die Verlierer der Gesellschaft, die sich mit der Aussicht auf ein paradiesisches Jenseits vertrösten.

Zweifelsohne wohnt dem Glauben eine solche hoffnungsstiftende Kraft inne, die dem Glaubenden hilft, auch in schwierigen und existentiell bedrohlichen Situationen nicht zu verzweifeln. Gerade dann erweist sich die Kraft des Glaubens, wenn die Gebeugten ihre Häupter zum Himmel heben und den Herausforderungen des Lebens so erhobenen Hauptes entgegensehen. Hierin zeigt sich aber schon, dass der Glaube viel mehr ist als Vertröstung auf ein Jenseits. Einem solchen Glauben komtt eine geradezu revolutionäre Dimension zu, die sich nicht mit den Zuständen zufriedengibt, sondern auf eine immer gerechtere gesellschaftliche Wirklichkeit ausgerichtet ist. Das Reich Gottes ist für Christen zu nahe, als dass man auf das Jenseits warten müsste.

Ein solcher Glaube duldet nicht nur keine Vertröstung; ein solcher Glaube beruht auf einer tiefen Vergewisserung. Allein die etymologische Herkunft des deutschen Wortes „Glaube“ macht das schon deutlich. Es leitet sich von „geloben“ (altdeutsch: gelobistu) ab. Etwas geloben kann man aber nur, von dem man sich selbst vergewissert und Kenntnis gewonnen hat. Die gleiche Wortbedeutung findet sich auch in dem Begriff, den das Neue Testament für „Glaube“ bzw. „glauben“ verwendet: Das Substantiv πίστις (gesprochen: pístis) bzw. das Verb πιστεύειν (gesprochen: pisteúein) heißen in der Grundbedeutung „von etwas überzeugt sein“. Überzeugung setzt aber Verstand und Vernunft voraus, sonst kann keine Überzeugung begründet werden. Überzeugungen sind mehr als Befindlichkeiten. Überzeugungen vertragen den modernen „Gefällt mir“-/“Gefällt mir nicht“-Modus nicht. Überzeugt sein können nur diejenigen, deren Haltungen fest gegründet sind. Nicht ohne Grund kann Paulus deshalb im zweiten Brief an die Korinther feststellen:


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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Liebe Leserinnen und Leser,

dunkler wird es in diesen Tagen, die Schatten werden länger. Das Äquinoktium ist noch nicht lange Vergangenheit. Die Sehnsucht nach heller Wärme und lichter Freude erwacht aber jetzt schon in den Seelen der Menschen. Der Nebel der immer tiefer dräuenden Wolken aber drückt so manchen jetzt schon aufs Gemüt.

Der Mensch als Wesen, das mit der Fähigkeit der Phantasie begabt ist, kennt viele Fluchtmöglichkeiten aus der dunklen Gegenwart. Immer weniger benötigt er dazu die Pfade der eigenen Träume. Augmented Reality heißt die Heilsverheißung der Gegenwart. Wo früher ein virtuelles Brett vor dem Kopf den Blick auf das Offensichtliche verstellte, tragen immer mehr Zeitgeister einen Plastikkasten mit integrierter High-End-Technik vor dem Lobus frontalis, jenem Teil des Gehirns, der einst als das menschlichste galt, wird er doch von manch einem Autor gar als „Organ der Zivilisation“ bezeichnet. Der Evolution hat es gefallen, dem Lobus frontalis die Regulierung der kognitiven Prozesse zuzuweisen, so dass der Mensch an sich in der Lage ist, situationsgerechte Handlungen auszuführen. Der Stirnlappen prägt somit in wesentlicher Weise die Persönlichkeit und das Sozialverhalten eines Individuums. Von hier aus wird die angemessen Interaktion mit der Umwelt gesteuert, in der sich das Individuum nicht zuletzt durch seine Sinne verortet, jene Sensoren, die bereits durch einen High-Tech-Plastikkasten so manipuliert werden können, dass der Mensch Welt und Wirklichkeit enthoben Scheinwelten für real hält. Augmented Reality nennen das die intelligenten Designer der Gegenwart, wörtlich also erweiterte Wirklichkeit. Das vor Augenscheinliche wird zur Realität erklärt; der Mensch überlässt sich der Täuschung der Sinne. Hier zeigt sich, dass diejenigen, die nur dem vertrauen, was sie sehen, hören und fühlen, nur allzu schnell den Boden unter den Füßen verlieren können: Am Abgrund stehend mag die virtuelle Scheinwelt das Tor zum Garten Eden suggerieren, von dem nur noch ein Schritt trennt, jener Schritt, der dem Leben in der physischen Welt ebenso ein jähes Ende bereiten wird, wie den selbstinszenierten Traumwelten aus Polymeren.

Die Parallelwelt aus Plaste und Elaste ist aber nicht der einzige Fluchtort, dem Menschen angesichts der harten Realität der Welt, wie sie ist, zustreben. Der Mensch ist auch in der Lage, die Herausforderungen der Gegenwart einfach wegzulächeln. Lachen verursacht unter anderem die Ausschüttung Endorphine aus, jenes vom Körper selbst erzeugte Opioid, das neben schmerzstillender Wirkung auch noch gute Laune macht. Endorphine können süchtig machen. Sportler kennen das, vor allem Extremsportler. Man muss nur durchhalten, um über den Punkt der Endorphinausschüttung hinwegzukommen. Regelrecht high werden sie dann, wenn sie den Schmerz nicht mehr spüren und sich dem Rausch der Hormone hingeben können. Interessanterweise kann der gleiche Vorgang auch durch intensives Beten herbeigeführt werden. So stellt der Psychologe Eckart Straube auf die Frage, ob der Glaube wie ein Placebo sei, das nur wirke, wenn jemand davon überzeugt ist, fest:


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