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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – Erster Adventssonntag, Lesejahr B

Komplexe Sehnsucht erfasst den Menschen an den Rändern seiner Existenz. In den Abgrund des Seins schauend wird jeder zum Kind. Die schiere Unfassbarkeit und Größe erahnend bleibt nur der Ruf den Halt helfender Hände, die im Schwindel unausweichlicher Ohnmacht festhält. Im Ahnen des Scheiterns soll Hilfe von oben kommen, von denen, die noch die Macht haben, die Dinge zu richten und zu retten. Die sollen es machen, wo man selbst nichts machen kann. Von Kindesbeinen an hat der Mensch gelernt, dass da Vater und Mutter sind, die das Unlösbare lösen – oder eben auch nicht.

Entwicklungspsychologisch ist es die früheste Kindheit, in der der Mensch die einmalige Chance hat, Urvertrauen zu entwickeln. Es ist eine fragile Zeit, in der Vater und Mutter gottgleich die eigene Existenz gewährleisten. Selig der Mensch, der sich auf Vater und Mutter verlassen konnte; später um Seligkeit ringend diejenigen, deren selbstverständlich hoffende Kindesliebe auf wenig Resonanz stieß. Es gibt weder da noch dort Automatismen. Das Leben kann bei einer schwierigen Kindheit genauso gelingen wie das einer geborgenen Kindheit scheitern kann. Das Urvertrauen aber, jene Haltung einer grundständigen Gelassenheit, die sich aus der existentiellen und vorbewussten Erfahrung nährt, unverdient geschützt worden zu sein, ist nicht substituierbar. Das Leben eines Menschen erfährt bereits eine Prägung, wenn er kaum schwarz von Weiß unterscheiden kann. Vater- und Mutterschaft ist ein wahrhaft göttlicher Auftrag, eine Verantwortung dem neuen Leben gegenüber, eine Zumutung, aus der ebenso Verheißung wie Fluch erwachsen können. Angst und Schrecken mögen die überfallen, die sich dessen bewusst werden, aber gleichzeitig auch Freude und Stolz, dass das Sein ihnen das zutraut.

Archetypisch scheinen Väter und Müttern dabei verschiedene Eigenschaften zuzukommen, die auch in der religiösen Rede eine bestimmte Rolle spielen. Die matriarchalen Kulte etwa verehren die Mutter archetypisch als die Lebengebende, aber auch Verschlingende. Es mag die archetypische Erfahrung sein, dass die Mutter das Leben nicht nur hervorbringt, sondern auch beschützt und unter Umständen wie eine Löwin verteidigt. Dem Archetypus Mutter eignet das Bergende, Behütende, Beschützende als Eigenschaft, das bisweilen aber auch das Einengende konnotiert. Das alles kommt zum Tragen, wenn Jesus von Gott im Bild einer Glucke spricht:

Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt. (Matthäus 23,37)

Damit nimmt Jesus wohl einen Satz des Propheten Jesaja auf, der ebenfalls das mütterlich bergende Moment Gottes anspricht:

Wie ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln wir der Herr der Heere Jerusalem schützen, es beschirmen und befreien, verschonen und retten. (Jesaja 31,5)

Gott, die Mutter löst die Probleme ihrer Kinder. Sie regelt das Leben. Die Kinder können zu Hause bleiben und sich der mütterlichen Liebe erfreuen. Am Rocksaum der Mutter ist Sicherheit, genährt an der Mutter Brust mangelt es an nicht. So von existentiellen Sorgen befreit, ist manch ein Mensch bereit, seine Freiheit zu opfern. Das Leben kann anderswo toben, wenn es bei Muttern doch so schön ist.

Wie anders klingt dagegen der zwischen Verheißung und Klage schwankende Ruf zu Beginn der ersten Lesung vom ersten Adventssonntag im Lesejahr B:

Du, Herr, bist unser Vater, „Unser Erlöser von jeher“ wirst du genannt. Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, so dass wir dich nicht mehr fürchten? Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Eigentum sind. Reiß doch den Himmel auf, und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir. (Jesaja 63,16b-17.19b)

Der archetypische Vater ist ein Problemlöser. Der Vater richtet, der Vater macht’s gut. Lass das mal den Vater machen, hört so manches Kind. Der Vater löst alle Probleme – denkt das Kind, bis es größer wird und entdeckt, dass auch der Vater nur ein Mensch ist – und einer, der darauf drängt, dass der Nachwuchs irgendwann flügge wird. Der archetypische Vater treibt ins Leben, bleibt auf Distanz und beobachtet aus dieser das Treiben seiner Nachkommen. Wo die archetypische Mutter behütet und beschützt, drängt der archetypische Vater auf Selbstständigkeit. Die nackte Existenz will errungen sein, das Leben wartet draußen, vor dem Paradies. Ausgerüstet mit dem Nötigsten schickt der archetypische Vater die Kinder in die Welt – und hält doch am Fenster voller Sehnsucht Ausschau.

Die Archetypen von Mutter und Vater entsprechen sicher kaum exakt den real existierenden Müttern und Vätern. Und doch prägen sie das Bild von Väter und Müttern, ja bringen es bisweilen in konfliktive Konkurrenz, wenn die väterliche Strenge mit mütterlichem Wohlwollen kollidiert. Der Mensch hingegen braucht beides – den Antrieb ins Leben und das Wissen um die heimliche Geborgenheit. Wo eins oder beides fehlen, kann weder Urvertrauen noch das Wissen um die eigenen Fähigkeiten wachsen.

Wie sehr der Mensch aber dieses Wissen braucht, spricht aus den schon zitierten Worten der Lesung. Sie entstammen einem langen Gebet des Volkes um Gottes erscheinen. Es ist kein Wunder, dass der scheinbar ferne Gott hier als Vater angeredet wird. Die Mutter hätte schon lange geholfen. Der Vater aber, der doch für jedes Problem eine Lösung zu haben hat, schweigt wieder einmal. Er lässt seine Kinder zappeln, das Leben probieren, Versuch und Irrtum erleben und am Leben verzweifeln. Warum tust Du uns das an, Vater? – so lautet die kindliche Klage zu allen Zeiten. Wie kannst Du das zulassen, Gott? – rufen die Beterinnen und Beter immer wieder, wenn das Leben einem nicht zu Gefallen ist. Der Vater versagt wieder einmal! Immer wenn man ihn braucht, ist er nicht da! Mütter sind da doch ganz anders!

Gott aber scheint bereit zu sein, diesen Preis der menschlichen Freiheit zu zahlen. Bereits das Ende der sogenannten Erzählung vom Sündenfall erzählt ja, dass Gott den Menschen in eine selbstverantwortete Freiheit schickt, nicht ohne ihn grundständig ausgerüstet zu haben:

Gott, der HERR, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit. Dann sprach Gott, der HERR: Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt. Aber jetzt soll er nicht seine Hand ausstrecken, um auch noch vom Baum des Lebens zu nehmen, davon zu essen und ewig zu leben. Da schickte Gott, der HERR, ihn aus dem Garten Eden weg, damit er den Erdboden bearbeite, von dem er genommen war. Er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim wohnen und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten. (Genesis 3,21-24)

Gott schickt dabei die Menschen nicht nur gut ausgerüstet in ein selbstverantwortetes Leben; er verhindert offenkundig sogar die Rückkehr in die ebenso unschuldige wie unmündige Kindheit. Gott will des Menschen Freiheit. Deshalb wird er auch Vater genannt.

Eigentlich könnte der Mensch stolz sein auf diese Zumutung. Welches Kind wünscht sich nicht, dass ihm der Vater endlich etwas zutraut. Unerträglich die Väter, die wie Übergötter über ihren Söhnen und Töchtern schweben, denen man sich auch in höherem Alter nur mit Furcht und Zittern naht, um Liebe und Anerkennung buhlt, so wie es auch die Beter bei Jesaja zu tun scheinen:

Seit Menschengedenken hat man noch nie vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge gesehen, dass es einen Gott gibt außer dir, der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen. Ach, kämst du doch denen entgegen, die tun, was recht ist, und nachdenken über deine Wege. Ja, du warst zornig; denn wir haben gegen dich gesündigt, von Urzeit an sind wir treulos geworden. (Jesaja 64,3f)

Und doch offenbart sich eben jene Unterwerfung als eine Scheinbare, denn der Mensch könnte in seiner Freiheit anders handeln, als er es faktisch tut:

Wie unreine Menschen sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind. Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns der Gewalt unserer Schuld überlassen. (Jesaja 64,5f)

Und nun soll der Vater es wieder richten. Menschenskinder, wir haben es verbockt. Wider besseres Wissen haben wir gehandelt. Wenn wir dem Vater demütig gegenübertreten, vielleicht macht er es wie früher, als er alle unsere Probleme fast spielerisch aus der Welt schuf:

Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton, und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände. (Jesaja 64,7)

Ein kindlicher, wenn nicht ein infantiler Hilferuf. Will Gott den Menschen als Gestaltungsmasse? Oder will er nicht doch des Menschen Freiheit? Hat er den Menschen nicht mit Verstand und allem anderen ausgerüstet, dass er selbst das Leben lösen kann? Was, wenn Gott jetzt reden und dem Menschen dadurch die Freiheit nehmen würde?

Wahrlich Gottes Schweigen ist eine Zumutung! Es ist eine existentielle Zumutung, die die Beter in den Abgrund blicken lässt:

Kannst du dich bei alldem zurückhalten, Herr, kannst du schweigen und uns so sehr erniedrigen? (Jesaja 64,11)

Gott kann schweigen, und er schweigt immer wieder. Er schweigt, weil er seinen Kindern zutraut, es alleine zu schaffen. Würde er es ihnen nicht zutrauen, er würde reden, er würde handeln – und genau dadurch sein Volk erniedrigen, weil er ihnen nichts mehr zutraut.

Offenkundig will Gott, der Vater, den Menschen frei, mündig und aufrichtig. Gott, der Vater, mutet dem Menschen den aufrechten Gang zu. Der aufrechte Gang aber hat es erst ermöglicht, dass der Mensch die Welt mit seinen Händen gestalten kann. Es ist diese existentielle schöpferische Befähigung, die den Menschen zum Ebenbild Gottes macht. Warum um alles in der Welt sollte Gott dem Menschen diese Fähigkeit aus den Händen nehmen und ihn wieder auf Knie und Hände erniedrigen? Gott will es anders. Werde erwachsen Mensch – dein Vater traut es Dir zu. Das mag dich erschrecken – und ist zugleich herrlich. Du kannst scheitern, und im Scheitern wachsen. Gott will es so. Lebe frei und aufrecht. Und wenn es ganz hart kommt, dann wird sie dich retten – Gott, die Mutter. Ehrlich!

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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