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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 29. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Die Wahrheit ist eine Falle. Sie lässt sich nicht belügen. Sie legt die Bigotterie oberflächlicher Entrüstung frei – denn wer sich ent-rüstet, ohne den Schutzpanzer wirklich abzulegen, führt Unwahres im Schilde. Die Österreicher erleben es in diesen Tagen. Wo ein Burkaverbot Wählerstimmen bringen sollte, wurde bisher keine einzige Burkaträgerin dingfest gemacht – wohl aber Werbefiguren wie Lego-Ninja-Werbefigur  und MacShark oder das österreichische Parlamentsmaskottchen „Lesko“. Auch Clowns und schaltragende Radfahrer erfuhren schon die ganze Härte eines absurden Gesetzes, das sich einer kulturellen Angst bedient, die in Europa jeder Grundlage entbehrt. Die Wahrheit ist, dass die Burka kein wirkliches Thema der Straßen und Plätze der europäischen Städte ist. Die Bigotterie der Entrüstung wird offenbar – und trifft lebensgroße Plüschfiguren. Angst fressen Verstand auf …

Man muss aber gar nicht nach Österreich schauen, um der Oberflächlichkeit politischer Ent-rüstungen habhaft zu werden. Im Vorwahlkampf 2017 veröffentlichte Bundesinnenminister Thomas de Maizière einen Leitkultur-Vorstoß, in dem sich unter anderem prosaische Stilblüten wie der Satz „Wir sind nicht Burka“ fanden. Nun zaubert der gleiche Bundesinnenminister die Forderung nach einem muslimischen Feiertag in Deutschland aus dem Hut – ohne dass deutlich würde, auf welcher rechtlichen Grundlage ein solcher Feiertag eingerichtet würde. Im Unterschied zu den Kirchen oder den jüdischen Kultusgemeinden, die durch den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes (KöR) staatlicherseits als Religionsgemeinschaften anerkannt sind, ist das – mit Ausnahme der Ahmadiyya Muslim Jamaat, die 2013 in Hessen den Status einer KöR zuerkannt bekam, von den meisten Muslimen aber als unislamisch eingestuft wird – bei den islamischen Gemeinden nicht der Fall. Die Einrichtung einer KöR bringt Rechte und Pflichten mit sich. So heißt es in der diesbezüglich weiter geltenden Weimarer Reichsverfassung:

“Die Religionsgesellschaften bleiben Körperschaften des öffentlichen Rechtes, soweit sie solche bisher waren. Anderen Religionsgesellschaften sind auf ihren Antrag gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten.” (Art. 137, Abs. 5 WRV)

In diesem Zusammenhang stellt Christine Schirrmacher fest, dass der Staat

“Religionsgemeinschaften [begünstigt], denen er unter bestimmten Voraussetzungen Körperschaftsrechte verleiht, und kooperiert mit ihnen. Sie unterstützen ihrerseits den Staat im Sinne der Bildung und Erhaltung eines Wertekanons, indem sie friedens-, rechts- und wertefördernd auftreten und ihrerseits das staatliche Gewalt- und Strafmonopol anerkennen. Diese Kooperation zwischen Staat und Religionsgemeinschaften äußert sich etwa in der Steuerbefreiung von Spenden, dem Erteilen von Religionsunterricht oder speziellen Regelungen im Arbeits- und Sozialrecht”. (Quelle: Christine Schirrmacher, Islam und Demokratie – Ein Gegensatz?, Holzgerlingen 2013, S. 20f)

Nicht ohne Grund müssen deshalb römisch-katholische Bischöfe einen Eid auf die Landesverfassung ablegen.

Gerade weil Religionen aber eine lebens- und kulturprägende Macht innewohnt, darf man sie nicht wie Kulturvereine behandeln, denen es lediglich um Brauchtumspflege geht. Der undifferenzierte und unkritische Umgang mit Religionen führt eben zu den diffusen Ängsten, die in Österreich monströse Blüten treibt, die einem Titanwurz gleich zum Himmel stinken, während manche Politikerinnen und Politiker und manche Intellektuelle in Deutschland offenkundig nicht so recht wissen, ob sie nun das orientalische Flair des Islam goutieren möchten oder sich dann doch gegen eine eigentlich nicht drohende Islamisierung wenden. Wie auch immer: Die Entrüstung dient nicht der Wahrheitsfindung, denn niemand legt wirklich die Rüstungen ab, um das Innerste freizulegen. Wahrhaft entrüstet wäre man ja angreifbar, schlimmer noch: verwundbar. So aber ist die Entrüstung nur vorgetäuscht, ein Possenreißen, um Posten zu sichern. Hier wird der Wahnsinn zur Methode, der Wahrheit zu fliehen.

Es ist frappierend, wie sich die Situationen heute und damals gleichen – damals zu Jesu Zeiten, als sein Ruf sich schon bis nach Jerusalem verbreitet hatte. Dem euphorischen Anfang seines öffentlichen Wirkens am See Genezareth, den man heute auch den „galiläischen Frühling“ nennt, war nach wenigen Wochen eine Zeit der Krise gefolgt. Die Scharen, die die Sensation des jungen, aus Nazareth stammenden Rabbis, der nun in Kapharnaum lebt, sehen wollten, waren wieder in den Alltag zurückgekehrt. Der große Aufbruch zur Sammlung Israels blieb aus. Jesus musste nach Jerusalem. In Jerusalem würden sich die Dinge entscheiden. Und der Weg gerät zu einem Triumphzug. Spätestens in Jericho – kurz vor Jerusalem – waren die Erwartungen in ihn groß geworden. Wo er hinkam, sammelten sich Mengen von Menschen, wie die Evangelisten immer wieder betonen. Es ist kein Wunder, dass auch der Einzug Jerusalem – wenige Tage vor dem Pascha-Fest – große Aufmerksamkeit auf sich zog. Umso irritierender dürfte da für viele die sogenannte „Tempelreinigung“ gewesen sein, mit der Jesus sich weniger gegen den Handel am Tempel an sich, sondern vielmehr gegen einen oberflächlichen Tempelkult wendet; die Tiere, die dort gehandelt wurden, waren schließlich für den Opferritus bestimmt, und die Geldwechsler sammelten auch die Tempelsteuer ein. Es ist kein Wunder, dass sich die Tempelbeamten und –priester um den Hohenpriester hier empören ohne sich wirklich zu entrüsten. Wenn das Beispiel dieses spirituellen Superstars Schule macht, dann steht möglicherweise ihre eigene Existenz auf dem Spiel.

In Jerusalem spitzt sich der Konflikt um Jesus zu. Er sucht diesen Konflikt. Das Matthäusevangelium platziert im Anschluss an den Bericht über die sogenannte „Tempelreinigung“ nicht nur mehrere Gleichnisse, in denen immer wieder deutlich wird, dass ein bloß äußerliches Beharren auf Traditionen ohne innere Beteiligung gegen den Willen Gottes verstößt. Die Gleichnisse geraten an dieser Stelle auch zu einer deutlichen und unüberhörbaren Kritik an einem Religionsbeamtentum, das in seiner Selbstsicherheit den Weg Gottes längst verlassen hat.

Die Kultmächtigen des Tempels hatten den Reden Jesu wenig entgegenzusetzen. Statt sich zu ent-rüsten und mit offenem Visier in den Kampf der Argumente zu gehen, empören sie sich. Emporkömmlingen gleich erheben sie sich über den Dahergekommenen vom Land – und wollen im, wie es im Evangelium vom 29. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres A heißt, eine Falle stellen:

Damals kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? (Matthäus 22,15-17)

Der Köder der Falle ist nicht zufällig gewählt: Die Steuer. Jesus hatte sich mit seiner Tempelaktion ja unter anderem auch gegen die Tempelsteuer gestellt. Das Heil der Menschen darf nichts kosten, sonst ist alles umsonst.

Die Religionsbeamten aber haben nichts verstanden – wie auch: es sind ja die institutionellen Regeln, die ihnen Existenz, Auskommen und Wohlstand sichern. Wo käme man denn da hin, wenn Gottes Heil nichts kosten würde.

Ihre Empörung zeigt, wie säkularisiert sie tatsächlich sind. Steuer ist schließlich Steuer. Und so ziehen sie die Kaisersteuer als scheinbares Äquivalent heran. Sie spekulieren darauf, dass die jesuanische Kritik an der Tempelsteuer für das Steuerwesen überhaupt und damit auch für die weltliche Kaisersteuer gilt. Dann aber hätten sie einen Anlass, Jesus bei den römischen Behörden anzuzeigen.

Die Falle ist geschickt aufgebaut – und beweist doch die oberflächliche Gesinnung der Gegner Jesu, die noch nicht einmal zu offener Konfrontation fähig sind, sondern ihre Jünger zu Jesus schicken. Schmeichelnd versuchen sie ihn einzulullen:

Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. (Matthäus 22,16)

Sie ahnen wohl nicht, dass sie damit den Nagel genau auf den Kopf getroffen haben. In der Tat steht Jesus für eine Lehre, die nicht auf bloßes Ansehen aus ist, sondern auf die Erkenntnis der Wahrheit. Die Wahrheit aber ist wie Wasser: Sie trägt die, die sich selbst ent-rüstend falscher Bedürfnisse entledigen und so fähig werden, in ihr zu schwimmen; für die aber, die sich immer weiter empörend in ungerechtfertigte Höhen aufgeschwungen haben, wird der Aufprall im Sturz hart wie Beton sein. Die Wahrheit ermöglicht den einen Freiheit, den anderen wird sie zum Gericht. Sie kennt deshalb in der Tat keine falschen Rücksichten.

So wahr die Einschätzung der Pharisäer, die Matthäus hier als Rädelsführer vorstellt, mit Blick auf die Person Jesu prinzipiell ist, so falsch schätzen sie seine aus Liebe zur Wahrheit getriebene Motivation ein. Sie denken, es ginge ihm ums Geld an sich. Deshalb fragen sie ihn danach, ob man dem Kaiser Steuer zahlen darf.

Das Spiel der Pharisäer kann für Jesus schnell gefährlich werden. Es ist eine kommunikative Falle –ein klassischer Double-Bind. Wendet sich Jesus gegen die Kaisersteuer, kann man ihn bei den römischen Besatzern als Aufrührer anzeigen. Bestätigt er aber die Rechtmäßigkeit der Steuer, wird man ihn vor dem eigenen Volk bloßstellen können, ist der Kaiser doch ein Heide, ein Goj, ein Nichtjude, den man – gerade weil er ein Besatzer ist – wohl kaum unterstützen darf. Aus dieser Falle kann man sich kaum winden, es sei denn, man spielt den Ball zurück, so wie Jesus es tut, indem er offenlegt, dass es sich hier um eine Falle handelt:

Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle? (Matthäus 22,18)

In dem Satz steckt aber mehr als das Offenlegen einer Falle. Jesus bezeichnet seine Gegner als ὑποκριταί (gesprochen: hypokritaí). Das Wort bedeutet wörtlich „Über-Richter“. Es impliziert die Selbst-Empörung, die Überhebung über die Menschen. Genau darin aber besteht die Heuchelei, die Jesus im Folgenden offenlegt:

Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin. (Matthäus 22,19)

Die Überfrommen und Verfechter der reinen jüdischen Lehre haben eine heidnische Münze dabei. Die Bigotterie liegt im wahrsten Sinn auf der Hand. Die empörten Ankläger stürzen in die Grube der Wahrheit, die sie sich selbst ausgehoben haben. Aber das Spiel ist noch nicht zu Ende, die Dummheit noch nicht vollständig entrüstet:

Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! (Matthäus 22,20f)

Auf der Münze selbst steht doch, wem sie gehört. Sie trägt den Namen des Kaisers. Sie gehört letztlich ihm. Er ist der Eigentümer, die Pharisäer sind bloß Besitzer. Ihnen gehört nichts – weder die Münze des Kaisers, noch das Heil Gottes. Sie haben weder über das eine noch über das andere zu bestimmen. Vor allem aber dürfen sie das Heil Gottes nicht vermarkten. Nicht umsonst mahnt Jesus die Seinen bereits in Zeiten des galiläischen Frühlings:

Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. (Matthäus 10,7f)

Das ist das, was die Jüngerinnen und Jünger Jesu zu allen Zeiten immer neu lernen müssen. Das Heil kostet nichts, und doch ist die Verkündigung um der Wahrheit willen nie umsonst. Zur Wahrheit gehört es eben auch, die Empörten immer wieder zu entrüsten. In den Zeiten der Gegenwart wird wieder viel geheuchelt, um die eigenen Pfründe zu sichern. Felix Austria – dein KuK hast du nun klein und kurz gemacht. Auch mancher deutsche Michel sucht sein Heil im Gauland. Es wird Zeit, dass sich das Volk wirklich empört – aber nicht gegen Phantasiegebilde, denen letztlich Plüschfiguren zum Opfer fallen.  Die Empörung muss denen gelten, die die Wahrheit hassen und die Lüge lieben. Man erkennt sie daran, dass sie nur auf die Person sehen – und zwar nur auf die eigene. Die Wahrheit aber empört sich nicht, sie entrüstet. Legt die falschen Schutzschilde ab. Entlarvt die falschen Propheten. Die Wahrheit wird euch tragen.

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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