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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Mauerbewehrt waren die Städte in früheren Zeiten. Unbill und Gefahr sollte so abgewehrt werden. Fremde Bedrohungen, die oft nicht aus fernen Ländern, sondern vielleicht von direkt benachbarten Städten zu befürchten waren, würden sonst den Schlaf rauben. Kiel und Lübeck, Bremen und Hamburg, Köln und Düsseldorf können ein Lied davon singen. Die Fremden wohnen schon seit eh und je nur ein paar Kilometer weiter in der Nachbarschaft. Die Fremden sind immer schon nahe gewesen.

Die Fremden waren immer schon anders. Sie sprachen andere Dialekte, hatten andere Feste, Gebräuche, Sitten, Karnevalsrufe. Wehe dem, der ein unbekümmertes „Helau“ auf der Domplatte zu Köln ausruft. Und der, der in der Düsseldorfer Altstadt den Versuch unternimmt, ohne Gefahr für Leib und Leben ein Kölsch zu bestellen, darf wohl erst seit jüngst vergangenen Zeiten darauf hoffen, nicht geteert und gefedert zu werden. Die Fremden sind immer schon die anderen – auch wenn sie schon seit Jahrhunderten in der Nachbarschaft leben.

Die Mauer alleine versprach Schutz; unbewacht aber konnte sie doch leicht überwunden werden. Wächter waren nötig, die auf den Mauern patrouillierend Ausschau hielten und bei Gefahr Alarm schlugen. Zahlreiche Legenden ranken sich um die Wächter auf den Zinnen. Vor allem erzählen diese Legenden von besonderen Wächtern, die dann zum Einsatz kamen, wenn die menschlichen Wächter vor Langeweile oder Trunkenheit ihren Dienst nicht mehr versahen und eingeschlafen waren. Das goldene Hähnchen, dem die Stadt Essen noch heute in Sichtweite der Münsterkirche ein Denkmal gesetzt hat. Es erinnert an den wachsamen Hahn, der die Stadt vor dem Überfall feindlicher Räuber warnte. Oder die römischen Gänse, die im Jahr 387 v. Chr. die schlafenden römischen Bürger vor dem Eindringen keltischer Aggressoren warnten.

Auch heute noch werden Tiere als Wächter eingesetzt. Auf dem Vesuv in der direkten Nachbarschaft Neapels etwa wird seit geraumer Zeit eine Ziegenherde eingesetzt. Der Mensch hat gelernt, die besondere Sensibilität der Tiere zu nutzen. Sie spüren die einem Vulkanausbruch vorausgehenden seismischen Aktivitäten eher als der Mensch und meiden ihre eingetretenen Pfade. Die Abweichung von der Normalität wird dem Menschen zur Warnung – Stunden, manchmal Tage bevor der eigentliche Ausbruch Gefahr mit sich bringt. Noch bewegen sich die Aktivitäten des Vesuv in einem für die fast eine Millionen Einwohner zählende Stadt Neapel in einem unbedenklichen Maß. Es wird aber eine Frage der Zeit sein, bis der Vulkan – oder schlimmer noch – die in der Nähe befindlichen phlegräischen Felder, unter denen die Forscher einen großen Vulkan mit zur Zeit zunehmender Aktivität entdeckt haben, ausbricht. Die Ziegenwächter dienen so im wahrsten Sinn des Wortes der Pro-Phylaxe (von griechisch φύλαξ – gesprochen: phylax – „Wächter“), denn der Wächter soll ja warnen, bevor („pro“) die Gefahr eintritt, um so Abwehr- und Schutzmaßnahmen ergreifen zu können.

So beobachten die Wächter, seien sie menschlich, seien sie tierisch, die unmittelbare Umgebung. Die Gefahr droht nicht aus der Ferne. Gefährlich ist es erst, wenn die Bedrohung nahe ist. Ein wachsamer Nachbar kann deshalb ebenso Schutzpatron wie Ärgernis sein. Es gibt deshalb keine größere Aufgabe als die, an die Paulus die Römer in der zweiten Lesung vom 23. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres A erinnert:

Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren!, und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Römer 13,9

Die Selbstliebe erscheint hier gerade nicht als Voraussetzung für die Nächstenliebe, sondern als Maßstab. Die Selbstliebe wird als gegeben vorausgesetzt. Es ist ja gerade der Selbsterhaltungstrieb, der jedem Lebeweisen zu eigen ist. Die Selbstliebe ist die Ursache für Schutzmaßnahmen, Mauererrichtungsimpulse und Gartenzaumprojekte aller Art. Kein „Ich“ kann so klein sein, dass es vergessen würde, Mauern zu bauen – im Gegenteil: Je größer die Angst des „Ich“, desto höher die Mauer. Jeder pastorale Impuls, die Findung des „Ich“ als Voraussetzung für die Nächstenliebe zu proklamieren, wird zur Generalentschuldigung, es gar nicht erst mit der Nächstenliebe zu versuchen. Wann liebt man sich schon selbst genug?

Genau das aber sagt Paulus – wie im Übrigen auch Jesus selbst (vgl. Markus 12,28-34 parr) – nicht. Im Gegenteil: Die Selbstliebe ist nicht Voraussetzung, sondern Maßstab für die Nächstenliebe. Die Nächstenliebe selbst wird zur Herausforderung, die Mauern des Ich, die gerade bei kleinem Ich sehr hoch sein können, zu überwinden. Der Blick auf den Nächsten formuliert diesen Anspruch geradezu. Auch das kleine Ich muss also auf die Zinnen klettern und Ausschau halten nach den Nächsten, die ihm und seinem Ich doch immer wieder schnell als Bedrohung erscheinen. Die Nächstenliebe ist eine wahre Zumutung für jedes Ich, zumal man sich die Nächsten ebenso wenig aussuchen kann, wie die Menschen, die in der Nachbarschaft wohnen: Die Nächste bzw. der Nächste sind immer die, die gerade am Weg stehen, die dem Ich begegnen, ihm nahekommen – im wahrsten Sinn des Wortes. Das sucht man sich nicht aus.

Damit es da nicht zu Überraschungen kommt, ist Aufmerksamkeit geboten. Die Bedrohung durch die Nächsten verliert oft schon dann ihren Schrecken, wenn man den Blick über den eigenen Seelenzaun hebt und die bzw. den Nächsten mit offenem Blick, einem wachsamen Späher gleich, anschaut. Dabei genügt es nicht, den Nächsten zu erspähen. Nächstenliebe ist mehr als Freundschaft. Nächstenliebe ist mehr als Selbstlosigkeit. Nächstenliebe ist ein Wächteramt, das mitunter darin besteht, den Nächsten vor sich selbst zu warnen. Aus diesem Grund setzt Gott Ezechiel als Propheten ein. Das Prophetenamt ist ein Wächteramt. Und so geht an Ezechiel in der ersten Lesung vom 23. Sonntag im Jahreskreis A das Wort Gottes:

Du aber, Menschensohn, ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter; wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, musst du sie vor mir warnen.  Wenn ich zu einem, der sich schuldig gemacht hat, sage: Du musst sterben!, und wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um ihn von seinem Weg abzubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben. Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut. Wenn du aber den Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er umkehrt, und wenn er dennoch auf seinem Weg nicht umkehrt, dann wird er seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet. Ezechiel 33,7-9

Die Worte sind hier nicht allgemein zu verstehen. Der Text ist Teil eines größeren Abschnittes, mit dem Gott den Propheten zum Wächter Israels bevollmächtigt. Am Beginn dieses Abschnittes heißt es:

Das Wort des Herrn erging an mich. Ezechiel 33,1

Der Lesungstext macht die Konsequenzen des Wächteramtes deutlich. Er hat die Nächsten gegebenenfalls vor sich selbst zu schützen. Wenn er es versäumt, die Schuldigen zu warnen, tritt ihn selbst deren Strafe. Das Schicksal der Nächsten wird zum Selbst, zum ich des Propheten. Da ist kein Schlupfloch, das dem Ich einen Vorrang geben würde. Im Gegenteil: Im Gegenüber der Nächsten ereignet sich das Schicksal des prophetischen Ich.

Der Auftrag Gottes gilt hier allerdings exklusiv seinem Propheten. Freilich ist das kein Grund für Christgläubige, sich entspannt zurückzulegen und das Wächteramt anderen zu überlassen. Es ist Jesus selbst, der im Evangelium vom 23. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres A aus dem exklusiven Auftrag Gottes an Ezechiel eine Aufgabe für jede Jüngerin und jeden Jünger macht:

Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Matthäus 18,15-17

Das prophetische Wächteramt geht hier auf alle Jüngerinnen und Jünger über. Niemand der Christusnachfolgerinnen und –nachfolger kann sich davon dispensieren. Ihnen allen gilt der Auftrag:

Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.  Matthäus 18,18

Da ist keine amtsgebundene Exklusivität. Dessen müssen sich Christen klar sein. Ihr Wort zählt. Was sie reden und sagen ist nicht ohne Belang. Wer die Vergebung verweigert, stellt sich zwischen den Schuldner und Gott. Er macht sich dann selbst zum Richter, wo er doch eigentlich Wächter sein soll. Gott allein ist hingegen der Richter. Die Verweigerung der Vergebung, die Aufrechterhaltung eines Konfliktes, der Fortbestand der Sünde als Zustand der Trennung von Gott, die Gott doch gerade überwunden sehen will – all das ist im Himmel von Relevanz. Wer daher seine Nächsten nicht vor der Gefahr, die sie sich möglicherweise selbst bereiten, warnt – möglicherweise, weil er oder sie zu sehr mit dem eigenen Ich beschäftigt ist – muss seinen eigenen Teil der Verantwortung tragen. Christinnen und Christen sind Propheten, von Jesus Christus mit dem Wächteramt über die Nächsten betraut.

Wie sehr das Ich sich erst im Nächsten ereignet und nicht der Nächstenliebe vorgängig ist, wird im abschließenden Wort des Sonntagsevangeliums deutlich:

Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Matthäus 18,20

Die Zusage der Gegenwart Jesus gilt der Zusammenkunft mindestens zweier Personen in seinem Namen. Wo aber zwei versammelt sind, gibt es immer eine oder einen Nächsten. Wer hier das Ich den Nächsten prioritär voranstellt, geht dem eigentlichen Auftrag aus dem Weg. Der aber besteht in der Pro-Phylaxe, jener Wachsamkeit, die die Gefahr für Leib, Leben und Gemeinschaft früh erkennt und ihr begegnet. Wer nur sich selbst liebt und auf sein eigenes Wohl schaut, wird auch an sich selbst scheitern. Es sind ja gerade die Nächsten, an denen das eigene Ich sich messend reifen und wachsen kann. Deshalb schließt die Lesung aus dem Römerbrief auch mit folgenden Worten:

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. Römer 13,10

Die Liebe zum eigenen Ich bleibt unvollständig, wenn sie ihre Erfüllung nicht in einem Gegenüber findet. Es ist das Gegenüber der bzw. des Nächsten, in dem sich das Ich selbst wiederfinden kann. Die bzw. den Nächsten aber sucht man sich eben nicht aus. Es sind die, die gerade auf dem eigenen Weg begegnen – real und physisch. In der Tat: Das kann zu einer Zumutung werden. Aber niemand hat je behauptet, dass Wächtersein einfach sei. Gerade wenn es dunkel wird und die Müdigkeit schwerer wird, wird die Last des Prophetenschicksals deutlich. Allein: Die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben keine Wahl. Sie sollten von dem Hahn lernen, der einst dem Petrus nach der Verleugnung Jesu sein Schicksal entgegenkrähte. Kräht, ihr Christen, auf den Zinnen heute. Wachsamkeit ist wieder gefragt in diesen Zeiten. Kräht, ihr Wächterinnen und Wächter dieser Zeit. Die Nächsten brauchen euch – prophylaktisch!

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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