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kath 2:30 Dies DominiDies Domino – 6. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Werte sind in Mode. Der Begriff „Werte“ gehört dabei zu den Schlagworten, die neben Begriffen wie „postfaktisch“, „populistisch“ und anderen an semantischer Diffusion kaum zu überbieten sind. Alle benutzen sie, kaum einer weiß, was mit ihnen gemeint ist. Die Begriffe wirken einfach. Ihre rhetorische Valenz ist hoch. Die Worte schlagen zu. Wer von „Werten“ spricht, kann sich der Aufmerksamkeit der Leserinnen und Hörer gewiss sein, auch wenn kaum ein Konsens darüber besteht, was „Werte“ überhaupt sind und worin sie sich begründen. Aber was will man in Zeiten erwarten, in denen selbst Wetterberichte „gefühlte Temperaturen“ prognostizieren, bei denen man sich doch fragen muss, wie „gefühlte Werte“ überhaupt gemessen werden.

Der Begriff „Wert“ ist dabei gleich in mehrfacher Hinsicht diffus. So veröffentlichte die Rheinische Post eine Umfrage, welche „Werte“ den Deutschen am wichtigsten seien. Die ersten fünf Plätze belegen „Ehrlichkeit“, „Selbstständigkeit“, „Verlässlichkeit“, „Hilfsbereitschaft“ und „Richtiges Benehmen/Anstand“. Handelt es sich bei diesen Haltungen aber tatsächlich um „Werte“? Oder sind es nicht vielmehr Eigenschaften, Haltungen eben. Woran etwa bemisst sich der vermeintliche Wert „Ehrlichkeit“? Besteht er in dem Suchen und Tun dessen, was wahr ist? Oder ist nicht auch ein Donald Trump ehrlich, wenn er seine auf alternative Fakten begründeten Versprechen in die Tat umsetzt?

Hinzu kommt als Zweites die Frage nach der Legitimation von „Werten“. Der neue Chefredakteur der Welt am Sonntag, Peter Huth, stellt hierzu grundsätzlich fest:

„Damit eine Gesellschaft funktioniert, muss sie sich selbst vertrauen, ihren Mitgliedern und ihren Fundamenten. Das sind Recht, Religion, Moral beziehungsweise die Institutionen, die sie repräsentieren: Gerichte, Kirche, Politik.“ (Quelle: Peter Huth, Trump, Posterboy eines neuen Faustrechts, Welt am Sonntag online, 11.2.2017, Quelle: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article162002375/Trump-Posterboy-eines-neuen-Faustrechts.html [Stand: 11. Februar 2017])

Es muss also einen gesellschaftlichen Grundkonsens geben, ein Fundament, das das Miteinander der Glieder der Gesellschaft begründet und regelt. Dabei bedarf dieser Grundkonsens, will er sich nicht in sich selbst relativieren, einer „objektiven“ Absicherung. Fehlte diese Absicherung, wäre der Grundkonsens beliebig und könnte willkürlich durch wechselnde Mehrheitsverhältnisse geändert werden. Was heute noch als Menschenrecht gilt, könnte morgen schon abgeschafft sein. Die Frage also ist, wie sich gesellschaftliche Vereinbarungen legitimieren und wie sie abgesichert werden.

Was die Legitimation des gesellschaftlichen Grundkonsenses angeht, wird allenthalben der Begriff „Wert“ bemüht. Die „Werte“ der Gesellschaft müssten geschützt werden, wird immer wieder gefordert, ohne dass genau definiert würde, um welche „Werte“ es sich denn handelt. Das mag daran liegen, dass „Wert“ von der Herkunft her die Eigenschaft des Messbaren in sich trägt. Logische Werte etwa sind „wahr“ oder „falsch“ oder „trifft zu“ bzw. „trifft nicht zu“. Logische Werte können universell zutreffen oder nur partiell. Damit wird schon insinuiert, dass Werte messbar sind. Die Naturwissenschaften messen Werte mit annähernd objektiver Präzision. Dazu aber benötigen „Werte“ einen Bezugspunkt, ein Absolutes, auf das sie sich beziehen.

Genau das schwingt in der Verwendung des Begriffs „Wert“ mit. Er suggeriert eine objektive Qualität, die in sich nicht mehr belegt werden muss, weil sie ja gerade objektiv ist. Der Zweifler verstummt angesichts dieser rhetorischen Valenz des Wortes „Wert“, das sich bei näherem Hinsehen aber als heißer Dunst einer semantischen creatio ex nihilo entpuppt – ein aufgeblähtes Nichts, dass die Ahnungslosigkeit derer, die inflationär „Werte“ anrufen, die sie nicht zu definieren vermögen, in den dezenten, aber unbegründeten Schein moralischer Authentizität hüllen. Der barmherzige Mantel des Vergessens möge dann das Übrige tun.

Peter Huth hingegen macht in seinem Kommentar darauf aufmerksam, dass eine funktionierende Gesellschaft nicht nur über einen inneren Grundkonsens des Wie, Was und Wozu des Miteinanders verfügen muss, sondern auch über entsprechende institutionelle Absicherungen. Er nennt hier Recht, Religion und Moral bzw. deren institutionelle Äquivalente Gesetz, Kirche und Politik. Die Kirche verwies – nicht immer gerne gehört, aber doch mit anerkannter Autorität – lange Zeit auf den Absoluten, von dem her jede Legitimation letztlich stammt und vor dem sich der Mensch deshalb auch zu verantworten hat. Gerade der Absolute schafft jene Konstanz, die den „Werte“-Konsens in sich selbst legitimierte und dem willkürlichen Zugriff der Menschen entzog. Das galt insbesondere auch für die Politik, deren Hauptaufgabe die moralisch verantwortete Umsetzung der Theorie des gesellschaftlichen Konsenses in die Praxis alltäglicher Aufgaben und Fragestellungen vollzog und dazu Gesetze erließ, deren Wert sich vom Absoluten her bemaß und vor ihm zu rechtfertigen hatte. Nicht ohne Grund beinhaltet das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland unmittelbar zu Beginn der Präambel den Bezug auf Gott als Absolutem:

Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen,
von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.

Nun stellt Peter Huth in dem zitierten Kommentar freilich auch fest, dass Kirche und Politik vielen seit Langem suspekt sind. Mit dem – teilweise selbst verschuldeten – Verlust an Relevanz hat die Kirche auch ihre Aufgabe als Verweiserin auf den Absoluten als Grund aller menschlicher Existenz eingebüßt. Sie verliert sich in Scheingefechten um die Aufrechterhaltung einer Tradition, die nicht als Prozess, sondern als starrer Zustand empfunden wird; gerade darin aber erweist sie sich als untauglich, Antworten auf die Fragen der Menschen von heute zu geben, die eben nicht mehr die Fragen vergangener Zeiten sind. Nirgendwo wird deutlicher, dass die Rede von „Werten“, die hier als „christliche Werte“ beschworen sind, hohl ist, weil die „Werte“ von denen man dann redet, eben nicht in sich absolut, sondern zeitbezogen und relativ sind. Wahrscheinlich redet man eher von „Tugenden“; „Tugenden“ aber sind wandelbar. Das zeigt nicht zuletzt der Fußball. Wo früher die vermeintlich „deutschen Tugenden“, Kampfkraft, Verteidigungsbereitschaft und Opferbereitschaft beschworen wurden, zählen heute Kreativität, Teamfähigkeit und offensives Nach-vorne-Denken zu den erstrebenswerten Eigenschaften. Sind das schon Werte?

Auch die Politik hat mit ihrer Bereitschaft zur geradezu proskynetischen Huldigung von Umfragen ihre innere Legitimation beschädigt. Wer in den „Gefällt-/Gefällt nicht“-Modus wechselt und sein Handeln danach ausrichtet, verliert schneller an Respekt als er jene Sätze zu Ende sprechen kann, die aus Angst vor Kritik jede Standhaftigkeit vermissen lassen. Wer nach allen Seiten offen ist, kann eben nicht ganz dicht sein. Soll man solchen Menschen vertrauen?

Bleibt also das in die Wortform von Gesetzen gegossene Recht als übriggebliebene Instanz, das gesellschaftliche Miteinander abzusichern. Woher aber legitimiert sich das Gesetz? Reicht schon der bloße Mehrheitsbeschluss, dann ist es jederzeit wandelbar und willkürlich. Die Ereignisse längst vergangen geglaubter Tage in der Nazi-Diktatur, als ein Ermächtigungsgesetz den sich selbst als von der Vorsehung her bestimmter „Führer“ zum fast gottgleichen Herrscher über Wohl und Wehe, Leben und Tod machte, wiederholt sich dieser Tage in der Türkei; aber auch in den USA scheint nach der Vereidigung Donald Trumps der präsidiale Erlass den Weg des harten Ringens um den Wert „Wahr“ oder „Falsch“ zu ersetzen. Der gesellschaftliche Diskurs im Angesicht und in der Verantwortung vor dem Absoluten schrumpft auf die solipsistischen Botschaften einer Länge von 140 Zeichen. Wo man früher Gott in den Himmeln die Ehre gab, verneigt man sich nun vor Tweetie, einem Spatz mit Villa.

Die ehemaligen Säulen der Gesellschaft, Recht, Religion und Moral und ihre institutionellen Äquivalente Gesetz, Kirche und Politik sind instabil geworden. Es wird – wieder einmal – Zeit für eine Neubesinnung. Die Verständigen müssen – wieder einmal – aufstehen und lautstark an die Werte „wahr“ und „falsch“ erinnern. Sie müssen die Zustände und Behauptungen der Mächtigen hinterfragen auf das, was den Einzelnen und der Gesellschaft in dieser wechselseitigen Bezogenheit nützt oder eben nicht nützt. Nicht ohne Grund mahnt der Apostel Paulus in der zweiten Lesung vom 6. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres A:

Wir verkündigen Weisheit unter den Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt, die einst entmachtet werden. Vielmehr verkündigen wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung. Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt, denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Nein, wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Denn uns hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes. (1 Korinther 2,6-10)

Paulus benennt Gott als den Absoluten. Von ihm her stammt die Weisheit (σοφία – gesprochen: sofía), die für die Vollkommenen handlungsleitend ist. Sie ist eben nicht die selbstgemachte Weisheit dieser Welt oder die, die sich die Machthaber – sei es aufgrund eigener Bedürfnisse und Wünsche oder alternativer Fakten – selbst zurechtlegen. Echte Weisheit braucht einen absoluten Bezugspunkt von dem her die Werte „wahr“ und „falsch“ erkennbar sind. Wo dieser Bezugspunkt aus dem Blick gerät, regiert die Willkür. Und die Lust an der Willkür ist groß. In der Willkür erhebt sich der Mensch selbst zum Herrn über Wahrheit oder Unwahrheit über Leben und Tod. Für Paulus lieg hierin der Grund für den Kreuzestod Jesu: in der Selbstüberhebung von Menschen.

Die Zeiten sind wieder einmal düster. Die Werte „wahr“ und „falsch“ sind willkürlich geworden. Der absolute Bezugspunkt ist aus dem Blick geraten. Für die Mahnung Jesu aus dem Evangelium vom 6. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres A sind die Ohren, Herze und Hirne vieler nicht mehr zugänglich:

Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. (Matthäus 5,37)

Ein Ja gilt nur noch, wenn es dem eigenen Vorteil dient, wenn es denn überhaupt noch gesagt wird – selbst pastoral Bedienstete der Kirchen lernen schon in sehr jungen Dienstjahren vom Wert des Nein-Sagens und Abgrenzens. Deshalb ist nur allzu oft ein Nein zu hören, wo ein Ja nötig gewesen wäre. Zu Beginn des Evangeliums mahnt Jesus nämlich eindringlich:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Matthäus 5,17-20)

Vor jeder Abgrenzung sollte deshalb im Angesicht des Absoluten die Frage stehen, geschieht das, was geschehen soll, um die Weisung Gottes zu erfüllen. Groß werden die sein, die die Weisung Gottes erfüllen. Nichts zu tun, mag die Hände sauber halten. Aber auch hier ist es wie im Fußball: Ein Verteidiger mit sauberem Trikot hat wahrscheinlich seinen Job nicht gemacht. Wer die Werte von „wahr“ und „falsch“ verteidigen will, wird das nicht tun können, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Es geht in diesen Zeiten wieder einmal um nichts weniger als die Wahrheit. Sie ist ein echter Wert, der sich aus der von Gott stammenden Weisheit her bemessen lässt. Es besteht kein Zweifel: Die Welt muss mit den Werten „wahr“ und „falsch“ neu vermessen werden – und dazu braucht es ein Absolutum. Das ist die wahre Aufgabe der Kirche: Ruft den Namen Gottes aus, ob man ihn hören will oder nicht. Die Welt wartet. Sie sehnt sich doch danach, endlich wieder „bewertet“ zu werden.

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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