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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 3. Fastensonntag, Lesejahr C

Nicht jeder, der aufrecht steht, beweist schon Rückgrat. Manch eine mag schlicht an Rückenversteifung leiden und manch einer verlässt sich auf den Stock, der ihm Halt gibt. Ob jemand aufrichtig oder nicht doch einfach nur verstockt ist, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Manche scheinbare Standfestigkeit entpuppt sich bei näherem Hinsehen als banale Sturheit.

Die Natur verleiht dem Menschen mit Rückgrat eine Geschmeidigkeit. Das Rückgrat ist elastisch und biegsam. Es verschafft dem Menschen Beweglichkeit. Die Bandscheiben und Faszien verleihen dabei den einzelnen Wirbeln nicht nur untereinander Stabilität. Sie dienen auch dem motorischen Apparat des Menschen und gleichen die Bewegungen aus, so dass das Gleichgewicht gewahrt bleibt. Wer die Geschmeidigkeit und Beweglichkeit des Rückgrates missachtet, etwa indem er einseitige Haltungen einnimmt und unbeweglich bleibt, der darf sich über einen Bandscheibenvorfall oder anderweitig verursachte Rückenschmerzen nicht wundern. Hin und wieder wird als Therapie eine Spondylodese – eine Wirbelsäulenversteifung – als Therapie empfohlen. Der so versteift kann sicher aufrecht gehen. Aber seine Aufrichtigkeit ist dahin, weil er die Elastizität verloren hat, die ihm erst die wahre Bewegungsfreiheit verleiht.

Ein gesundes Rückgrat muss beweglich und elastisch sein. Das Zusammenspiel der Wirbel, Bandscheiben, Faszien und Muskeln ist fein aufeinander abgestimmt. Es entzieht sich der Beliebigkeit. Wer seine Kräfte und mehr noch die Fragilität dieses fein austarierten Systems missachtet, verhebt sich schnell – was nicht selten wieder zu Versteifungen führt.

Eben diese Versteifungen, auf welche Weise sie verursacht worden sind, darf man nicht mit Aufrichtigkeit oder Rückgrat verwechseln. Ein solcher Mensch hat Rücken, aber eben nicht Rückgrat!

Der Schmerz, der solche Menschen durchfährt, führt oft zu lautstarken Äußerungen. Um aufrecht stehen zu können, greift man zu allerlei Mitteln: man zwängt sich in Korsette, hilft sich mit Orthesen, manch einer kann auch nur noch am Stock gehen. Mit der Beweglichkeit hat man auch die Haltung verloren. Man kann mit Mühe noch aufrecht stehen, aber kaum mehr aufrecht gehen. Statt fortzuschreiten auf dem Weg des Lebens, versteift sich manch einer auf dem eigenen Standpunkt. Was wie Haltung aussieht, erweist sich dann bei näherem Hinsehen lediglich als Akt hilflosen Flehens gespeist aus der verblassenden Erinnerung verlorener Lebensfreude und Schaffenskraft.

Die Gegenwart ist voll von solchen Scheinaufrechten, die sich schwer tun mit den Veränderungen, die einen bewegungsfreudigen Denkapparat fordern. Wie zu allen Zeiten erfordert auch die heutigen Herausforderungen kreative Lösungen. Die Unfähigkeit, lösungsorientiert zu denken, erweisen aber gerade diejenigen, die sich auf plakative und pauschale Parolen zurückziehen. Wie wenig wendig sich solche selbsternannten Volkstribune in solchen Diskursen erweisen, konnte man am 22. Februar 2016 in der Phoenix-Sendung „Unter den Linden“ beobachten. Unter dem Titel „Flüchtlingskrise – national oder europäisch lösen“ diskutierten dort die AfD-Vorsitzende Frauke Petry und der Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen) miteinander. Frauke Petry wiederholte ihre redundanten Phrasen – etwa die von der euphemistisch als „Anwendung des unmittelbaren Zwangs“ verdeckte Forderung nach einem Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge an der Grenze als ultima ratio und begründete das mit der bei ihren Anhängern als genial rhetorische Finte gefeierten folgenden Äußerung:

„Wenn es ein politischer Tabubruch ist, die geltende Rechtslage zu zitieren, dann haben wir in der Tat eine Demokratiekrise.“ (zitiert nach http://www.stern.de/politik/andreas-petzold/afd–wie-frauke-petry-von-volker-beck-entzaubert-wurde-6713998.html [Stand: 27. Februar 2016].)

Wie wenig Rückgrat in solcher einer intellektuell-sklerotischen Äußerung steckt, zeigt allein schon die offenkundige Unkenntnis über die Rechtsgüter der Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel und das Recht auf Asyl, die gegen einen illegalen Grenzübertritt abgewogen werden müssen. Genau darauf wies sie Volker Beck hin, der mit dem Hinweis auf den Unterschied der Interpretation von Zeitungsartikeln und Gesetzestexten auf genau jenen Mangel an Erkenntnisfähigkeit hinwies, der den Verstockten zu Eigen ist.

Der Teufel steckt eben nicht nur im Detail; er ist auch ein Meister der Vereinfachung. Die Dekomplexierung mag den einzelnen entlasten. Aber auch das Gehirn ist ein Muskel, der stets trainiert werden will. Wer intellektuell nicht steif werden möchte, muss stets hinterfragen, analysieren und differenzieren, bevor er sich sein Urteil bildet. Wer Urteile einfach von anderen übernimmt, weil sie behaupten, sie wüssten es besser, gibt nicht nur seine Mündigkeit auf; er verliert auch seine Aufrichtigkeit, weil er sich unter das Urteil eines anderen beugt.

Nun erzählt aber gerade die erste Lesung vom dritten Fastensonntag im Lesejahr C vom aufrichtigen Ringen des Mose mit Gott.  Gott erscheint Mose, dem ehemaligen Prinzen vom Hof des Pharao, der nun die Schafe und Ziegen seines Schwiegervater Jitro weidet, in Form eines brennenden Dornbuschs. Das Naturschauspiel zieht die Aufmerksamkeit des Mose auf sich. Nichts deutet auf eine übernatürliche Situation hin. Wohl ist die Situation außergewöhnlich, wie die Frage des Mose andeutet:

Warum verbrennt der der Dornbusch nicht? (Exodus 3,3)

Gott aber scheint die menschliche Neugier in Rechnung gestellt zu haben. Als Mose näherkommt, ruft Gott ihn an:

Mose, Mose! (Exodus 3,4)

Das eigentliche Überraschungsmoment erweist sich in der Reaktion des Mose. Wäre nicht zu erwarten, dass dieser angesichts des brennenden Dornbuschs, aus dem heraus er angesprochen wird, erschrocken zurückweicht? Stattdessen antwortet dieser geradezu lapidar:

Hier bin ich. (Exodus 3,4)

Dieser Mose scheint mit Überraschungen zu rechnen. Das Außergewöhnliche reizt ihn, fordert ihn heraus, bringt ihn aber nicht um den Verstand. Aus diesem Holz sind Menschen geschnitzt, die ein Volk wahrhaft führen können. Er weicht nicht ängstlich zurück, sondern schaut sich die Herausforderung an und stellt sich ihr. Dazu muss er seinen Standpunkt verlassen und Neuland betreten:

Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. (Exodus 3,5)

Das neue Land, das Mose betritt, ist heiliger Boden. Deshalb muss er seine Schuhe ablegen. Wer sich der Herausforderung stellt, muss nicht bloß in der Lage sein, die Perspektive zu wechseln. Er muss auch das Vertraute hinter sich lassen. Die alten Lösungen waren gut, jetzt braucht es neue. Wer nur auf das Vergangene schaut, hat seinen Flexibilität schon verloren, bevor er sich in das neue Land wagt. Er wird schon auf den ersten Schritten ins Stolpern geraten und fallen. Wer aufrecht gehend die Herausforderung in den Blick nimmt, braucht auch die entsprechenden Fußbekleidungen. Und hin und wieder ist es sogar geraten, barfuß zu gehen, um den Untergrund, auf dem man steht, unmittelbar ertasten und erfahren zu können. Mose soll unmittelbar in Kontakt mit der neuen Herausforderung kommen. Er muss einen neuen, unmittelbaren Standpunkt finden, den er mit den ausgetretenen Latschen, die ihn bis hierher geführt haben, nicht finden kann.

Mose muss sich zurichten, um die Herausforderung, die da auf ihn wartet, überhaupt wahrnehmen zu können:

Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. (Exodus 3,6)

Das ist keine bloße Herausforderung; das ist eine Offenbarung. Der Höchste selbst ist es, der sich dem Mose in den Weg stellt. Dieser, der eben noch glaubt, eine außergewöhnliche Erscheinung wahrgenommen zu haben, erkennt den wahren Grund allen Seins. Das ist der Grund, warum Mose sein Gesicht verhüllt. Es ist kein Zurückweichen vor der Herausforderung. Es ist ein Zeichen der Demut. Indem Mose sein Gesicht verhüllt, geht er aber auch in sich. Er traut nicht dem ersten Schein. Es braucht diese vorsichtige Annäherung in Demut, um die Herausforderung wirklich begreifen zu können. Denn die Herausforderung ist groß, die Gott dem Mose zumutet:

Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen. (Exodus 3,7-8a)

Der Text der Lesung erweckt nun den Eindruck, als spüre Mose implizit den Auftrag Gottes an ihn:

Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. (Exodus 3,13)

Tatsächlich aber lässt die Lesung viereinhalb Verse und damit die unmittelbare Indienstnahme des Mose durch Gott aus. In Exodus 3,10 heißt es nämlich:

Und jetzt geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten aus Ägypten heraus!

Das ist ein Befehl! Gott bittet Mose nicht, er befiehlt ihm. Und jetzt, erst jetzt erschrickt Mose angesichts der Unausweichlichkeit der Herausforderung:

Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte? (Exodus 3,11)

Mose weist die Herausforderung nicht zurück. Er erschrickt angesichts ihrer Größe – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Er stellt nicht die Frage, ob er der Richtige ist. Er stellt sich vielmehr die Frage, wer er ist. Hat er die nötigen Fähigkeiten, das zu schaffen? Woher kommt ihm Hilfe?

Gott aber sagte: Ich bin mit Dir; ich habe dich gesandt und als Zeichen dafür soll dir dienen: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ich Gott an diesem Berg verehren. (Exodus 3,12)

Das ist streng genommen eine Wette auf die Zukunft. Das Zeichen des Gelingens wird sich erst in der Zukunft ergeben. Das ist das Wesen der Herausforderung: Was zu schaffen ist, wird erst in der Zukunft geschafft sein. Die Gegenwart mag das noch nicht ersichtlich machen. Die Zeichen scheinen völlig anders zu stehen. Die Situation mag hoffnungslos erscheinen. Wer deshalb am Stock geht, wird nicht vorankommen. Wer aber Rückgrat hat, macht sich auf den Weg, die Herausforderung zu erklimmen, beweglich, elastisch, flexibel. Das Rückgrat des Mose ist die Gewissheit der Gesellschaft Gottes. Das Feuer greift gewissermaßen aus dem Dornbusch auf ihn über, es begeistert ihn, verleiht im Kraft, richtet ihn auf, macht ihn stark. Mose gewinnt Rückgrat.

Trotzdem bleiben Fragen. Und weil Mose Rückgrat hat, stellt er die Fragen selbst dem Höchsten:

Da werden sie [die Israeliten] mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen? (Exodus 3,13)

Mose schaut voraus. Die, die er führen soll, wollen wissen, in wessen Auftrag er da kommt. Niemand wird sich auf eine Flause einlassen. Es genügt nicht, zu sagen: Wir schaffen das! Niemand wird folgen, wenn der Mut fehlt. Mose ahnt, dass es dem Volk Israel noch an Rückgrat mangelt. Die Fleischtöpfe Ägyptens sind gefüllt; dafür versklavt man sich auch gerne selbst. Sich selbst existentiell an die materielle Scheinsicherheit bindend, hat das Volk Israel längst seine Haltung verloren. Wenn es Mose folgen soll, muss es gekräftigt werden, gestärkt, aufgerichtet. Wenn es dabei nicht verstocken soll, muss das Rückgrat trainiert werden. Und so antwortet Gott dem Mose:

Ich bin der „Ich-bin-da“. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der „Ich-bin-da“ hat mich zu euch gesandt. Weiter sprach Gott zu Mose: So sag zu den Israeliten: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer, und so wird man mich nennen in allen Generationen. (Exodus 3,14f)

Ich-bin-da! – Bereits dem Mose hatte Gott gesagt: Ich bin mit dir! Ich-bin-da! – Das ist eine Zusage, die denen Kraft und Aufrichtung verleiht, die auf Gott bauen. Gott ist keine Unbekannte, keine Variable im System. Es ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott der Väter, der sich in der Geschichte immer wieder wirksam erwiesen hat. Es ist der Gott, mit dessen Hilfe die Menschen immer wieder Herausforderung bewältigten, selbst wenn die Situation hoffnungslos erschien. Es ist der Gott, auf den Abraham baute, als er dem Ruf der Verheißung folgt und selbst seinen eigenen Sohn Isaak zu opfern bereit war. Es ist der Gott Jakobs, der seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht und damit den Segen um Linsen abkaufte und vor ihm fliehend trotz des Betrugs den Segen Gottes trug und weitertrug durch die Wirbel und Verwirbelungen des Lebens hindurch, bis er mit Gott kämpfend endlich Rückgrat gewann. Immer wieder hat Gott gezeigt, dass er sein Volk nicht im Stich lässt. Die Herausforderung selbst aber muss das Volk bewältigen. Gott nimmt die Herausforderung nicht einfach ab. Er ist das Rückenmark des Volkes, das Aufrichtigkeit verleiht. Mit diesem Gott geht man nicht am Stock, man überspringt Mauern!

Die Herausforderungen der Gegenwart sind nicht einfach. Wie weiland dem Mose mag der Ausgang auch nicht bekannt sein. Es ist eine Wette auf die Zukunft, die diejenigen schon verloren haben, die sich lieber in ausgetretenen Latschen auf die ausgedorrte trocken-braune Erde setzen, die doch keine Früchte mehr hervorbringt. Damit dieser Boden wieder Kraft gewinnt, muss man wohl den Rat des Weingärtners aus dem Gleichnis Jesu befolgen, das im Evangelium vom dritten Fastensonntag im Lesejahr C verkündet wird. Bevor der längst verstockte Baum umgehauen wird, soll er noch eine Chance bekommen:

Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen. (Lukas 13,8f)

Selbst bei tiefer Verstocktheit gibt es noch die Hoffnung. Das ist die vielleicht größte Herausforderung. Der Boden muss aufgegraben und gedüngt werden. Er muss wieder heiliger Boden werden. Vielleicht ist das das größte Problem der Gegenwart: der Verlust des Heiligen. Wer auf Flüchtlinge schießen will, hat das Bewusstsein für die Heiligkeit des Lebens wohl längst verloren. Der Hass hat den Boden hart gestampft. Ein solches Volk wird keine Früchte mehr hervorbringen. Es wird daher Zeit, die dicken Bretter zu bohren, das Verholzte und Verstockte wegzuschneiden, damit Platz wird für neue, lebendige Triebe, voller elastischer Lebenskraft. Es wird Zeit, den braun gewordenen trockenen Boden aufzugraben und zu reißen, damit die Wurzeln neue, frische Luft bekommen. Man muss damit anfangen, hier und jetzt. Vor allem hier, dort, wo der Baum steht. Das bedeutet viel Arbeit, Arbeit, deren Ergebnis in einer jetzt noch ungewissen Zukunft sichtbar sein wird.

Christen wissen Gott an ihrer Seite. Zeigen wir es dieser Welt.

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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