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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Der freie Gedanke ist ein Luxus, den sich heutzutage nur noch wenige leisten. Das Denken vieler ist kontaminiert mit Angst und vagen Befürchtungen. Die Seuche panischer Verlustängste hat sich tief in die Hirne und Herzen gefressen. Sie äußert sich in den Symptomen, die das Schwarz-Weiß-Denken längst hinter sich gelassen hat und nur noch Dunkelbilder generiert. Alles erscheint dunkel. Gemalt wird nur noch in schwarz. Wie bei einer radioaktiven Kettenreaktion befeuern sich die Schwarzmaler gegenseitig. Die Kontamination frisst sich weiter vom Denken in die Herzen. Der Hass auf alles, was anders ist, ist der Fallout dieses intellektuellen Super-GAUs, den die Gegenwart erlebt.

Die dekontaminierende Kraft der Kritik hat gegenwärtig keine Konjunktur. Überfordert von einer Welt, die zunehmend als komplex erkannt wird, sehnt sich das Kind im Menschen nach dem mächtigen Wort, mit dem früher schon Vater und Mutter die Geister aus dem dunklen Kinderzimmer vertrieben haben. Alles hatte seine Ordnung, wenn man gemeinsam unter das Bett geschaut hatte, nur um zu sehen, dass dort nichts Bedrohliches war. Und zur Sicherheit blieb die Tür einen kleinen Spalt breit auf; der schmale Lichtstrahl war eine Verheißung der Gegenwart derer, die die Geister in Schach halten konnten. Man konnte sie nicht mehr ahnen als sehen. Aber der schmale Schimmer genügte als Verheißung, dass alles ein gutes Ende nehmen und die Sonne wie gewohnt am nächsten Tag aufgehen würde.

Angst ist ein enges Gefängnis. Der schmale Lichtstrahl verheißt eine Freiheit, die das Kinder freilich noch nicht erlangen kann. Es muss erst lernen, den Kampf mit den Mächten der Freiheit aufzunehmen. Freiheit ist nicht nur eine Verheißung. Freiheit birgt Gefahren. Man kann sich in ihr verlieren. Die Kindheit ablegend ringen Heranwachsende mit den Herausforderungen der Freiheit. Sie wähnen sich zwar zu allem fähig, möchten aber noch für nichts verantwortlich sein. Der Haushalt der Kräfte ist noch im Ungleichgewicht. Dass die Freiheit ihren Preis hat, ist eine Erkenntnis, die der am Leben gereifte Mensch erlangt. Nicht wenige aber scheitern an dieser Aufgabe. Freiheit ist anstrengend, gerade weil sie Verantwortung impliziert. Da ist es einfacher, die Schuld immer bei anderen zu suchen. Wer so denkt, bleibt aber unmündig. Er gräbt sich selbst im Stadium der Unmündigkeit ein.

Das Leben aber ist wesenhaft Entwicklung. Stillstand bedeutet Tod. Niemand kann bleiben. Niemand kann den Augenblick festhalten. Das hat Auswirkungen für die Entwicklung des Menschen. Er muss schreiten. Die Frage ist nur in welche Richtung. Er kann voranschreiten zur Reifung, oder zurückgehen und retardierend die verlorene Sicherheit der Kindheit ersehnen.

Reifung aber bedeutet Verantwortung. Der Erwachsene nimmt die Herausforderungen des Lebens an. Er weiß, dass das Leben eine unsichere Angelegenheit ist. Man mag den Lauf der Gestirne und Planeten berechnen; des Lebens und der Dinge Lauf eignet eine wesenhafte Unberechenbarkeit. Der Erwachsene weiß das. Er nimmt die Herausforderung an, ringt mit ihr und dem Leben, sucht nach Wegen und geht sie. Das Kind aber liegt im Bett, zieht die Decke über den Kopf und hofft, dass unter dem Bett nichts ist. Weil es sich aber nicht getraut, nachzusehen, steigt die Angst hoch. Die Angst kontaminiert sein Denken. Schatten und Geräusche nehmen unheimliche Gestalt an – eine Halluzination, mehr nicht; aber davon weiß das Kind noch nichts. Gott sei Dank ist dieser Lichtstrahl da, der einen Ausweg verheißt.

Der Lichtstrahl aus dem Flur vor dem Kinderzimmer verheißt die Sicherheit der elterlichen Gegenwart. Darauf ist das Kind konditioniert. So kann es die Schemen in Schach halten. Führt aber jeder Lichtstrahl, dem die verkinderten Erwachsenen folgen, in die ersehnte Geborgenheit?

Der frühkindliche Reflex des Schreis nach Ordnung fand seine Erfüllung in der machtvollen Gegenwart der Eltern. Er sitzt tief im Unterbewusstsein der Menschen. Die Angst vor Veränderung lässt gerade die Angstvollen nach der starken Hand rufen. Komplexe Herausforderungen und Lösungen sind keine Sache der Angstvollen. Einfache Denkmuster und Antworten sind das, was sie suchen und brauchen, eine starke Hand, die den schemenhaften Gestalten Einhalt gebietet und ihnen die Tür weist. Die Grenze wird dann zum Synonym einer scheinbaren Sicherheit. Man zieht dann Zäune – zuerst in den Köpfen, später dann in der Welt – die vordergründig die Herausforderung fernhalten, so dass man sich nicht mit ihr beschäftigen muss. Übersehen wird dabei aber meist, dass jeder Zaun auch zum eigenen Gefängnis wird. Wer sich nicht mehr vor die eigene Tür traut, sperrt sich selbst gewählt ein. Die Selbstaufgabe der Freiheit ist der Preis für eine eingebildete Sicherheit.

Schwarzseherinnen und –maler haben in solchen Zeiten Hochkonjunktur. In den schwarzen Visionen, die sie zeichnen, zünden sie hier und da Irrlichtern gleich kleine Funken an, nach denen die Ängstlichen begierig schnappen und ihnen folgen. Man erkennt in der selbstgewählten Dunkelheit keinen Weg mehr, denn die Tür, die dem Lichtstrahl der Verheißung Raum gab, hat man ja längst geschlossen. Da sind keine Eltern mehr, die Sicherheit geben. Man ist ja schließlich erwachsen. Aber im Herzen ängstigt sich ein Kind vor dem schwarzen Mann, dem bösen Wolf und der alten Hexe. Und die Bilder, die da hochsteigen sind mächtig. Das Licht aber, das Licht könnte den Weg weisen. Und so tappt der angstvolle Gernegroß laut singend durch den Dunkelwald seines Lebens den Irrlichtern derer hinterher, die law and order verheißen, aber nur zu awe and border führen. Erst, wenn es zu spät ist, wird das Kind erkennen, dass sich die Wirklichkeit, in die es sich da selbstgewählt hineinbegeben hat, ein wahrhafter Alptraum ist.

Die Seuche der gedanklichen Kontamination ist in diesen Tagen schon weit fortgeschritten. Gerade mit Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart, die sich auch aus den Fluchtbewegungen ergibt, haben die Hochkonjunktur, die einfache Antworten haben. Sie rufen danach, die Grenzen zu schließen. Das Problem ist dann aus den Augen und damit aus dem Sinn. Was kümmert uns das ganze Elend, wo wir es doch so gut haben. Schließt die Türen, macht die Grenzen dicht, dann brauchen wir uns mit dem Leid nicht mehr zu beschäftigen. Lasst uns einen goldenen Käfig bauen, die Freiheit ist uns doch zu anstrengend. Hier drinnen sind wir sicher.

Einmal abgesehen davon, dass die Naivität derer, die so reden, außer Acht lässt, dass geschlossenen Grenzen für alle geschlossen sind: Wer soll den Kleinen im goldenen Käfig noch Wasser und Nahrung bringen, wenn man die Grenzen wirklich richtig dicht macht? Auch das eigentliche Problem ist nicht gelöst. Man hat es nur verschoben. Manch eine ist sogar dazu fähig, den Gebrauch von Waffen zum Schutz der Grenzen zu fordern, aber letztlich dann doch für nichts verantwortlich. Den Ruf nach dem Gesetz stimmen diese Menschen immer dann an, wenn es für andere gilt; den an sie selbst gerichteten Forderungen des Gesetzes weicht man aber lieber elegant aus.

Das ist die Art zu denken, die ängstlichen Kindern zu eigen ist. Erwachsenen stellen sich ihren Herausforderungen. Nicht umsonst heißt es in der zweiten Lesung vom 4. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahrs C:

Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. (1 Korinther 13,11)

Paulus nimmt für sich in Anspruch, wie ein Mann zu handeln und die Herausforderungen des Lebens anzunehmen. Wie er das tut, beschreibt er in den vorhergehenden Versen, in denen er das hohe Lied der Liebe singt.

Liebe – das ist auch so ein kontaminiertes Wort. Sein inflationärer Gebrauch hat es entwertet und verniedlicht. Liebe – das klingt harmlos, einfach lieb. Der liebe Jesus und der liebe Gott werden es schon richten. Und wenn sie es nicht tun, dann wendet sich der Mensch enttäuscht ab. Die so kontaminierte Liebe ist keine Herausforderung. Sie ist belanglos, seicht, ein oberflächliches Gefühl scheinbarer Geborgenheit, noch nicht einmal ein stilles Wasser, eher ein schlammiger Tümpel, oberflächenwarm, aber voll von klebrigem Schlick.

Schon in Paulus’ Zeiten muss es dieses Missverständnis gegeben haben. Er singt zwar von einer Liebe, ohne die alles nichts ist. Dann aber beschreibt er die Herausforderungen dieser Liebe:

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. (1 Korinther 13,4-7)

Die Liebe, von der Paulus spricht, sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie ist anders, als die kontaminierte Liebe, die vom anderen den Himmel erwartet, und die gerade deshalb so oft in Hass und Enttäuschung umschlägt, weil der andere sich als Mensch und nicht als Engel entpuppt. Den Himmel auf Erden kann eben nicht von Menschenhand erbaut werden.

Anders dagegen die Liebe, von der Paulus spricht. Sie weiß um die Herausforderungen des Lebens. Sie ist bereit, zu ertragen. Sie ist bereit, alles zu geben. Sie ist bereits, Widerstände zu überwinden. Sie ist bereit, allen Herausforderungen stand zu halten. Wer so liebt, ist alles andere als naiv. Wer so liebt, trotz den Stürmen des Lebens. Wer so liebt, sieht nicht nur sich. Wer so liebt, sieht vor allem den anderen, das Gegenüber. Wer so liebt, ringt um die Wahrheit. Wer so liebt, kann keine Grenzen bauen. Wer so liebt, weiß, dass alles Leben immer nur vorläufig ist, im Fluss, eine stetige Herausforderung, anstrengend, aber unendlich wertvoll. Wer je von solcher Liebe kontaminiert wurde, ist für die Banalität dunkler Visionen hoffnungslos verloren.

Diese Liebe ist nicht einfach schön. Sie provoziert. Wie sehr, musste bereits Jesus selbst erfahren. Das Evangelium vom 4. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres C berichtet davon. Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens predigt er in der Synagoge von Nazareth. Es heißt, dass seine Rede Beifall fand. Die Zuhörer aber haben den tieferen Sinn seiner Worte und die ihnen innewohnende Herausforderung nicht verstanden. Er hatte aus dem Propheten Jesaja gelesen, in dem es heißt, dass ein Gnadenjahr des Herrn ausgerufen werde (vgl. Lukas 4,19). Man hatte schon von ihm gehört und erhoffte sich von ihm, einem der ihren, jetzt entsprechende Taten. Solchen Selbstverständlichkeiten aber tritt Jesus entgegen:

Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. (Lukas 4,23f)

Das wäre auch zu schön: Einer, der alle Problem löst. Gerade weil es einer der ihren ist, haben sie doch einen Anspruch darauf. Das aber ist nicht der Weg Jesu. Er nimmt den Menschen nichts ab, was die Menschen selbst tun können. Jeder muss die eigene Herausforderung annehmen.

So enttäuscht, schlägt die Stimmung schnell um. Aus dem „Willkommen“ wird ein „Hinaus mit ihm“. Die Menge gerät an den Abgrund – und Jesus mit ihnen. Seine Souveränität aber ist groß:

Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg. (Lukas 4,30)

Europa hat offenkundig die Lehren gerade aus der jüngeren Geschichte nicht gezogen. Abschottung, Populismus und die einfachen Lösungen haben die Menschen bisher immer genau so an und sogar in den Abgrund geführt wie die Verheißungen von Menschenhand gemachter Paradiese. Das Bedürfnis nach eng umgrenzter Sicherheit ist ein kindliches. Erwachsene Souveränität hingegen stellt sich den komplexen Herausforderungen. Denen, die wütend-trotzigen Kindern gleich die hilflosen Fäustchen ballen, muss vielleicht nur wieder die Tür einen Spalt breit geöffnet werden, auf, dass die Irrlichter ihr Macht im Licht der Wahrheit einbüßen. Das Wort des Herrn ist da eine gute Leuchte. Wo aber sind die Propheten, die es laut ausrufen? Fürchtet euch nicht! Stellt euch der Herausforderung! Jetzt!

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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