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kath 2:30 Dies DominiDies Domini – 3. Adventssonntag, Lesejahr C

Der Wind ist ein Meister der Wahrheit. Wo er den Staub verweht, tritt Verborgenes zutage. Die Aerosole und Kleinstsandpartikel die er mitführt, erodieren selbst härteste Felsen. Wie Wasser formt auch der Wind Landschaften. Wasser und Wind sind so schöpfungskräftig wie wahrheitsmächtig. Die Sonne kann nur bescheinen, was Wind und Wasser freigelegt haben.

Die Macht des Windes kann fast zärtlich sein, wenn er als Brise Haut und Haar fast streichelt. Als Sturm entfaltet er aber ach ungeheure Energien, vor denen sich die Zaudernden verzagt zurückziehen. Wer immer seine Nase in den Wind hebt, darf sich jedenfalls nicht wundern, wenn der Wind sie umweht.

Der Wind ist ein Meister der Wahrheit. Er legt das Verborgenen offen – manchmal mit der Kraft des Sturmes; manchmal aber auch mit dem bloßen Hauch, der die Spreu vom Weizen trennt.

Der moderne Mensch kann dieses Bild nur schwer verstehen. Die modernen Erntetechniken brauchen die sanfte Macht des Windes nicht mehr, die Friedrich Hölderlin noch vor Augen gehabt haben muss, wenn er in seinem dem Landgrafen von Homburg gewidmetem Gedicht „Patmos“ den Vorgang der Korngewinnung in lyrische Verse fasst:

Es ist der Wurf des Säemanns, wenn er fasst
mit der Schaufel den Weizen,
und wirft, dem Klaren zu, ihn schwingend über die Tenne.
Ihm fällt die Schale vor den Füßen, aber
ans Ende kommet das Korn,
und nicht ein Übel ists, wenn einiges
verloren gehet und von der Rede
verhallet der lebendige Laut,
denn göttliches Werk auch gleichet dem unsern.

Der Wind ist es, der die Spreu vom Weizen trennt, wodurch das Korn zum Ende kommt. Das Korn an sich besteht aus dem eigentlichen Weizen, der von der Schale – der Spreu – umschlossen wird. Der Weizen ist für den Menschen nutzbar, die Spreu wertlos. Um den genießbaren Bestandteil des Korns gewinnen zu können, muss man also die Weizen von der Spreu befreien, also Verwertbares von Unverwertbarem trennen. Hierzu drischt man auf die Körner ein. Auf diese Weise werden Spreu und Weizen freigelegt. Um sie voneinander zu trennen, benötigte man beispielsweise eine Worfel. Die Worfel ist ein flacher Korb, mit dessen Hilfe man das Spreu-Weizen-Gemisch in die Luft warf. Der Wind trug die leichtere Spreu fort, während das schwere Getreidekorn zurück in den Korb fiel. Was auf diese Weise verlorengeht, ist kein Übel. Es ist wertlos und unbrauchbar.

Das Bild vom Spreu und vom Weizen ist den Menschen vertraut. Vor allem die Glaubenden kennen es als Gerichtsbild. Es spielt eine wichtige Rolle in der Gerichtspredigt Johannes des Täufers, die im Evangelium vom dritten Adventssonntag im Lesejahr C verkündet wird. Sein Reden und Handeln weckte Erwartungen im Volk. Er redete wohl anders als die vielen, die zaudernd und zagend vor den Unbilden der Geschichte den Weg des geringsten Widerstandes vor allem für sich selbst suchten. Hier aber redete einer, der nicht ins Bild passt. Schon seine äußere Erscheinung muss außergewöhnlich gewesen sein – außergewöhnlich, aber eben nicht abstoßend. Man stellt sich diese Prediger aus der Wüste in seinem Gewand aus Kamelhaar, der sich nur von wilden Heuschrecken ernährt, meist zu herunter gekommen vor. Aber einmal ehrlich: Würde man so einem Gehör schenken? Wohl kaum.

Unabhängig davon, wie asketisch Johannes nun wirklich gelebt haben mag – Heuschrecken und wilder Honig werden in manchen Gegenden durchaus als Delikatessen angesehen -, sein Dasein und seine Lebensweise als solche bildete einen Kontrast zu allgemeinen Lebenspraxis. Er suchte nicht die Sicherheit und Annehmlichkeiten der Stadt. Dort hätte er sich, wie es alle machen, die den Schein des gesellschaftlichen Friedens suchen, mit den verschiedenen Interessen, die es nun einmal gibt, arrangieren müssen. Die Gesellschaft lebt vom sozialen Kompromiss. Das geht auch gar nicht anders, weil es ohne das permanente Zugeständnis zu unlösbaren Konflikten zwischen den machthabenden Gruppen käme. Allein: Dieser gesellschaftliche Scheinfriede führt als Kollateralschaden meist unhaltbare Zustände der Ohnmächtigen herbei. Es sind diejenigen, die keine Macht und Stimme haben, auf deren Kosten die Kompromisse von Frieden und Wohlstand für die Wenigen geschlossen werden.

Johannes suchte nicht das Ansehen des falschen Friedens. Er zog sich zurück von der Bigotterie des frommen Luxus. Sein Luxus war die Freiheit, die es ihm ermöglichte wie Wind und Wasser die Wahrheit freizulegen.

Seine Erscheinung muss beeindruckend gewesen sein. Haltung und Botschaft stimmten überein. Diesem Mann konnte man zuhören. Diesen Mann konnte man ansehen. Und sie kamen, wie sie halt kommen, wenn einer die Wahrheit sagt. Es kamen vor allem die, die genug hatten von den immer gleichen Beschwichtigungen. Es kamen die Soldaten und die Zöllner, die einfachen Leute, aber auch die Mächtigen, die sich vor so einem mehr fürchteten als vor dem Feind, mit dem man sich durch geschickte Verhandlung immer noch geeinigt hatte. Die Wahrheit hingegen lässt keine Kompromisse zu.

Die Botschaft Johannes des Täufers ist einfach und klar. Wie später Jesus weist auch er keinen zurück. Er urteilt nicht über die Menschen und ihr Dasein; er urteilt über ihr Handeln. So stellt er nicht in Frage, dass es Zöllner geben muss; wohl stellt er das in Frage, was bei Zöllner damals wohl so üblich war, weil es ja jeder machte:

Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist. (Lukas 3,13)

Er klagte die Soldaten nicht an, weil sie Soldaten waren. Wohl aber klagt er den Sadismus derer an, die in Ermangelung echter Macht ihre Frustration an den noch Schwächeren ausließen:

Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold! (Lukas 3,14)

Selbst den einfachen Leuten, die über einen bescheidenen Wohlstand verfügten, kann er so ins Gewissen reden:

Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso. (Lukas 3,11)

Es gibt eben immer noch jemanden, dem es noch schlechter geht, als einem selbst. Gerechtigkeit kann erst entstehen, wenn hier keine Kompromisse mehr gemacht werden. Friede wird erst sein, wenn es keinen mehr gibt, der kein letztes Hemd mehr hat.

Man sagt häufig, Johannes der Täufer sei ein Bußprediger gewesen. Die Predigt Johannes des Täufers, die im Evangelium vom dritten Adventssonntag im Lesejahr C verkündet wird, hat zu Beginn freilich wenig von einer Bußpredigt. Er verkündet eher einfache Wahrheiten für das gesellschaftliche Zusammenleben, die so offenkundig sind, das man sich schon wundern muss, dass sie überhaupt gesagt werden müssen. Aber sie müssen immer wieder gesagt werden, weil es zu viele gibt, die auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.

Gerade das scheint Johannes den Täufer von den anderen Machern schöner Worte und Kreatoren belangloser Banalitäten, die das Volk durch Sedieren regieren statt den soziale Gerechtigkeit zu schaffen, unterschieden zu haben. Seine Worte entfachten einen Sturm, der die Wahrheit freilegte und im Volk eine Erwartung weckte:

Alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei. (Lukas 3,15b)

Die Antwort des Johannes auf dieses Ansinnen aber ist wohl zuerst ernüchternd gewesen:

Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. (Lukas 3,16f)

Nicht er ist der Messias, sondern ein anderer, der später kommt. Er wird noch stärker sein. Und er wird die Entscheidung bringen. Es ist mehr als die Wahrheit des Wassers. Es wird die Wahrheit des Windes sein, der wie ein Feuersturm daherfährt und die Spreu vom Weizen trennt.

In dem Bild, das Johannes der Täufer benutzt, kommt das Gericht zum Ausdruck. Der, der nach ihm kommt, wird der Richter sein. Anders aber als die meisten – vor allem unter den Glaubenden – meinen, wird dieses Gericht nicht zwischen den Guten und den Schlechten unterscheiden, sondern den Menschen als Ganzes der Wahrheitsmacht des Windes aussetzen. Spreu und Weizen bilden ja zusammen das eine Korn. Der Mensch an sich ist dieses Korn. Der Mensch an sich, sei er glaubend oder nicht-glaubend, trägt in sich das, was ihm zum Leben im Reiche Gottes gereicht, und das, was dort nicht verwertbar ist. Es ist der Feuersturm des Heiligen Geistes, der diese Spreu vom Weizen trennt.

Paulus benutzt im 1. Korintherbrief ein vergleichbares Bild. Mit Blick auf das Gericht Gottes schreibt er dort:

Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: das Werk eines jeden wird offenbar werden; jener Tag wird es sichtbar machen, weil es im Feuer offenbart wird. Das Feuer wird prüfen, was das Werk eines jeden taugt. Hält das stand, was er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. Brennt es nieder, dann muss er den Verlust tragen. Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch. (1 Korinther 3,12-15)

Später im 2. Korintherbrief wird er den Gedanken auf den Punkt bringen:

Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat. (2 Korinther 5,10)

Das Gericht von dem Paulus und letztlich auch Johannes der Täufer sprechen, scheidet nicht die Menschen in Gute und Schlechte. Es scheidet Gutes und Schlechtes im Menschen selbst. Niemand kann diesem Gericht ausweichen, das eher ein Prozess ist, in dem sich der Mensch selbst erkennt.

Das Ziel des Gerichtes ist das Leben. Johannes der Täufer beschreibt das nahezu unscheinbar, wenn er darauf hinweist, dass der, der nach ihm kommt die Spreu vom Weizen trennt, um

den Weizen in die Scheune zu bringen. (Lukas 3,17)

Wie leider viel zu oft, gibt die Einheitsübersetzung den Text nur oberflächlich wieder. Im griechischen Urtext findet man hier die Wendung συναγαγεῖν τὸν σῖτον εἰς τὴν ἀποθήκη αὐτοῦ (gesprochen: synagageîn tòn sîton eis tèn apothéke autoû – wörtlich übersetzt: den Weizen in seiner Scheune zusammenführen). Der griechische Text beinhaltet zwei bemerkenswerte Begriffe, die auch im heutigen Leben noch Bedeutung haben: Synagoge und Apotheke. Die Apotheke ist die Scheune, in der der Weizen zusammengeführt (Synagoge – Zusammenführung) wird.

Johannes der Täufer kannte keine Apotheken im modernen Sinn. Und doch lässt das Bild in den Ohren des modernen Menschen neue Assoziationen zu, die das Wesen des göttlichen Gerichtes zutreffend beschreiben. Das Gericht Gottes dient der Heilung und Gerechtmachung des Menschen. Das Kranke und Schädigende wird vom Gesunden getrennt, damit das Gesunde wachsen kann. Das ist das Gericht Gottes. Es ist nichts, das den normalen Menschen an sich ängstigen muss, denn Gott will das Heil der Menschen. Er ist es, der im Gericht die letzte Gerechtigkeit aufrichten wird.

Der Mensch als Korn wird also im Gericht Gottes gewogen. Die Erdenzeit ist die Zeit, in der das Korn wachsen und reifen kann. In die Erde gelegt hat es Zeit, sich zu entwickeln und Frucht hervorzubringen. Die Zeit ist der Vorhof des göttlichen Gerichtes. Es ist die Zeit, in der die Plädoyers geschrieben werden – Plädoyers, die mehr Taten als Wort sind. Es ist die Zeit, in der – um es einmal mit Paulus zu sagen – die Baustoffe für das ewige Haus im Himmel hergestellt werden: Spreu und Stroh oder Gold und Edelsteine. Was wird wohl im Feuersturm des Geistes, diesem Windhauch der Wahrheit, Bestand haben?

Johannes der Täufer kennt die Richtung aus der der Wind weht. Deshalb weiß er, wie man die Energie des Windes nutzen kann: Niemand misshandeln, niemand übervorteilen, niemand nackt und hungrig sein lassen. Niemand muss ein letztes Hemd geben. Solange es aber Menschen gibt, die noch nicht einmal ein letztes Hemd haben, kann kein Friede sein, da mögen die Feste und Feiern noch so schön wirken, die Ästhetik des schönen Scheins die eigenen Sinne benebeln und die Selbstsuggestion der eigenen Auserwählt- und Besonderheit noch so perfekt konstruiert sein. Der Wind Gottes, der mal als zarter Hauch, mal mit Donnerhalt, vor allem aber mit Geistessturm daherfährt, wird es offenbaren.

Wer auch immer die Energie dieses Windes nutzen will, er muss die Nase in den Wind halten. Wer sich hier verzagt und zaudernd wegduckt, hat das Urteil über sich schon selbst gesprochen. So kann man nicht jubeln, jauchzen und frohlocken, wie es in der ersten Lesung vom dritten Adventssonntag im Lesejahr C heißt. Nein, dazu muss man aufstehen, die Hände in den Himmel recken, mit beiden Beinen auf dem Boden stehen – wie eine Weizenähre, die im Boden wurzelt und sich dem Himmel entgegenstrecken stolz ihre Frucht präsentiert.

Ihr Christen, wovor fürchtet ihr euch? Freut euch und jubelt, Gott ist doch schon in eurer Mitte:

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! (Philipper 4,4)

Wie oft noch muss dieser Ruf des Paulus erklingen?

Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine

Autor: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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